2018 | A4 | BEN KAUFMANN

A4
Ausstellung bis 06. April 2018
On view through April 6th 2018

Installation view, Ben Kaufmann, A4, 2018, Photo: Ben Kaufmann
Installation view, Ben Kaufmann, A4, 2018, Photo: Ben Kaufmann
Installation view, Ben Kaufmann, A4, 2018, Photo: Ben Kaufmann
Installation view, Ben Kaufmann, A4, 2018, Photo: Ben Kaufmann

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Ben Kaufmanns Ausstellung A4 basiert auf einer Serie von Fotografien, die auf selbiger Autobahn zwischen Köln und Aachen im Zeitraum 2013 bis 2017 entstand. Die Serie dokumentiert mit zwei Schwerpunkten – dem Braunkohlekraftwerk Weisweiler auf der einen und dem LKW Transitverkehr auf der anderen Seite – vorgefundene Komponenten innerhalb dieses öffentlichen Raums. Das Kraftwerk zählt zu den umweltschädlichsten in Deutschland und steht sinnbildlich für umweltpolitische Diskussionen, der Forderung nach einer Energiewende und der damit verbundenen gesellschafts- und arbeitsmarktrelevanten Kontroverse. Bei den von Kaufmann fotografierten LKWs auf dem betreffenden Autobahnabschnitt, handelt es sich um Werbeanzeigen mit größtenteils sexistischen Frauensujets, die einen kritischen Diskurs über gesellschaftlich verankerte Geschlechterstereotypen ignorieren. 

Im flüchtigen Vorbeifahren werden weder das Kraftwerk noch die LKW Werbebotschaften explizit hinterfragt, sie sind Teil eines alltäglich vorbeiziehenden Außenraums. In der Konzentration der Fotografien auf diese wiederkehrende Motivik hingegen, zeigen sich in ihnen zum einen ein veränderter Bewusstseinskodex ‚was geht und was nicht‘ sowie Abhängigkeiten zwischen der subjektiven und der kollektiven Einbildung (vgl. hierzu Robert Pfaller, Die Illusionen der anderen – Über das Lustprinzip in der Kultur, 2002). Dem gegenüber steht jenseits aller berechtigten Diskussionen eine auf der Straße gültige Realität. Das Motiv des Kraftwerks in der Landschaft mitsamt Horizont symbolisiert eine romantisierende Sichtweise der Industriekultur und das Sujet der Autobahn einen verklärten Freiheitsanspruch gemäß dem Slogan ‚Freie Fahrt‘. 

Auf den LKWs einer global agierenden türkischen Spedition sind zudem die Botschaften „Democracy wins in Turkey“ und „Logistics for a better world“ platziert. Hier vermischen sich Realität, Staatspropaganda und prosperierende Wirtschaftsinteressen ad absurdum. Der öffentliche Raum der Straße unterliegt in ideologischer Weise unterschiedlichen Interessen und damit verbundenen Besitzansprüchen. Ben Kaufmann bedient sich ebenfalls dieses Raums und schießt die Fotos seiner A4 Serie aus dem fahrenden Auto heraus. Das Implizieren des Wageninnenraums durch Fenster- und Türausschnitte oder dem Rückspiegel im Bild, entspricht konventionellen Formalien der Landschaftsfotografie wie beispielsweise die Komposition eines Tiefenbildraums durch eine Drapierung des Vordergrunds. Lässt diese künstlerische Guerillastrategie spontane Aufnahmen vermuten, handelt es sich hier jedoch um gezielte Fotografie – denn es geht primär um das Bild an sich.

Ben Kaufmann, A4, 2013 – 2017

Interview am Kölner Hauptbahnhof 23.02.2018

Jochen Schmidt: Wir haben nicht viel Zeit, darum gemäß dem Motto „Zur Sache Schätzchen“ möchte ich gerne auf deine A4 Serie und die aktuelle Sexismus Debatte zu sprechen kommen. Welche Bedeutung hat diese für deine künstlerische Vorgehensweise und im Speziellen für dich persönlich?

Ben Kaufmann: Es gibt sicherlich einen kausalen Zusammenhang, wenn wir an die Werbemotive auf den LKWs, bzw. die sexistische Darstellung von Frauen denken. Das sind Dinge, die ich aufgreife. Das dadurch überlieferte Geschlechter- und Rollenbild gibt es und gab es aber auch ohne diese aktuelle Debatte. Als ich 2013 mit meiner Serie A4 anfing, war die besagte Debatte, die einer überschaubaren Minderheit, mittlerweile ist sie eine globale Diskussion.

JS: Und für dich persönlich? Du bist bis vor einiger Zeit nicht als Vorkämpfer für die gesellschaftliche Rolle der Frau aufgefallen; in deiner Galerie war die Frauenquote unter den Künstlern gering, oder irre ich mich da?

BK: Das stimmt. In der Ausstellungshistorie im Neuen Aachener Kunstverein während meiner Amtszeit war die Quote zumindest ausgeglichen. Gesellschaftlich gesehen, gehört eine Stellungnahme zu den Themen Gleichberechtigung und Sexismus ja mittlerweile zum guten Ton, vergleichbar mit der Fähigkeit einen Smalltalk über Kunst oder Fußball ohne größeren Schaden zu überstehen, auch wenn man sich dafür nicht wirklich interessiert.

JS: Was willst du damit andeuten, dass dich die Sexismus Debatte nicht wirklich interessiert?

BK: Nein, dann habe ich mich falsch ausgedrückt. Ich sehe meine Position vielmehr als Seismograph. Ich nehme Phänomene und Entwicklungen auf und das funktioniert am unmittelbarsten auf der Straße, womit wir wieder bei der Eingangsfrage der künstlerischen Strategie wären.

JS: Du bezeichnest ja gern den öffentlichen Raum der Straße als „dein Atelier“.

BK: Die Straße oder der öffentliche Raum stellt für mich eine Parallelwelt zur Kunstwelt dar, beides bedingt sich jedoch existentiell. Kunst, die sich ausschließlich aus sich selbst generiert und zitiert, ist für mich nicht relevant. Der Transfer und die Schnittstelle sind das Entscheidende.

JS: Ist dieser Bereich als ein Transit Bereich zu interpretieren und die LKWs sind quasi die Verbindungen zwischen den von dir erwähnten Welten?

BK: Ja und nein, die LKWs mit ihren Werbebotschaften sind mehr als real. Aber der Punkt ist doch, dass die verwendeten Werbebotschaften oft dem Genre des Altherrenwitzes entsprechen, den wir als nicht mehr zeitgemäß empfinden. Die Emanzipation der letzten fast 50 Jahre wird völlig ausgeblendet und es ist augenscheinlich, dass dies gerade im Mittelstand passiert, wenn wir diesen als Auftraggeber oder Firmeneigentümer ausmachen können.

JS: Also die alte Riege der FDP?

BK: Die neue Riege oder eigentlich ist es ja nur Christian Lindner – er versteht es zumindest, sich öffentlich wirksam darzustellen und sammelt bekanntermaßen auch Kunst. Weiter frage ich mich, was sind das für Werbedesigner?

JS: Die der LKWs? Eher schlechte?

BK: Qualitativ sicher nicht, denn die Werbebanner sind teilweise schon gut gemacht. Vielleicht ist es dann doch wie für die Politik: nämlich vollkommen egal, wer der Kunde ist, er zahlt und bekommt geliefert. Jemand muss ja auch die AFD Werbung konzipiert und umgesetzt haben, eher unwahrscheinlich, dass da eine Gesinnung dahinter stand oder? Als Künstler sind Deine Arbeiten auch für jeden verfügbar und käuflich zu erwerben.

JS: Das weiß ich nicht, aber jetzt sind wir doch etwas abgedriftet. Lass uns über die Kampagne 
DEMOCRACY WINS IN TURKEY sprechen. Diese übergroßen Aufkleber auf den LKWs gibt es tatsächlich?

BK: Ja, das ist seltsam. Die Niederschlagung des Militärputsches wird als willkommener Anlass genommen, die offensichtlichen Demokratieverletzungen zu nivellieren.

JS: Verstehe ich das richtig, dass die Logistik Unternehmen pro Edogan sind?

BK: Natürlich, sie profitieren seit mittlerweile 15 Jahren wirtschaftlich extrem von Erdogan. Ich habe diese Banner bei verschiedenen Fahrzeugen unterschiedlicher türkischer Firmen gesehen, es muss also quasi organisiert sein.

JS: Du verfolgst also Dinge und Tendenzen, die du im Alltag aufspürst, obwohl sie für alle theoretisch ersichtlich sind?

BK: Gut, ich habe in den letzten vier Jahren auch täglich zwei Stunden auf der besagten A4 Autobahn zwischen Köln und Aachen verbracht. Dinge fallen mir auf und ich recherchiere hierzu, um Zusammenhänge zu verstehen.

JS: Das klingt fast nach investigativen Bildjournalismus. Aber warum ist es dann Kunst?

BK: Wenn ich es im Kunstkontext ausstelle, dann ist es unbedingt Kunst. Aber diese Diskussion ist über 100 Jahre alt. Wir dürfen jenseits der inhaltlichen Gewichtung von Zusammenhängen aber nicht die Ästhetik und ihre Wahrnehmung außer Acht lassen. Kunst hat immer auch mit Ästhetik oder ihrer Dekonstruktion zu tun.

JS: Das schließt an dein Interview im Spiegel Online über Pep Gardiola und José Mourinho und die Schönheit des Spiels und seine Effizienz an, was mich übrigens schwer beeindruckt hat. Wann war das?

BK: 2013

JS: Als du auch mit der A4 Serie begonnen hast. Wann kann man von einer Serie sprechen?

BK: Als ich den 10. Negativfilm voll hatte, wusste ich, dass noch einige folgen werden. Ende 2017 waren es dann um die 50 Stück mit je 36 Aufnahmen. Ich denke, das ist eine stattliche Serie. Zudem gibt es unzählige Handyfotos.

JS: Du hast die Aufnahmen während des Fahrens geschossen?

BK: Ja, zum Glück ist nichts passiert.

JS: Mir sind Parallelen zu Peter Pillers neuem Buch über die Serie von LKWs mit Frauen als Werbemotiv aufgefallen, die auch im Zeitraum 2013-2017 entstanden sind. Worin siehst du den Unterschied zu deiner A4 Serie?

BK: Die Zeitspanne ist absolut deckungsgleich und wir haben uns nicht abgesprochen. Peter Piller ist ein etablierter Künstler und Professor, wird von renommierten Galerien vertreten und das Buch erschien bei Hatje Cantz. Das sind die Voraussetzungen.

JS: Dagegen ist doch nichts einzuwenden?

BK: Nein, das ist eine komfortable Situation, um die er zu beneiden ist. Piller hat immer denselben Ausschnitt gewählt, die Rückansicht der LKW Anhänger. Die typografischen Inhalte hat er zudem farbig ausgeblendet. Sagen wir es so, er hat zwar gesammelt oder sammeln lassen und war dann kreativ tätig. Die direkte physische Begegnung des Autors mit den LKWs ist hier mehr als zweitranging.

JS: Deine Aufnahmen geschahen auf der Piste. Du bist also mehr Jäger als konzeptueller
Künstler?

BK: Ja, das gefällt mir.

Ben Kaufmann, A4, 2013 – 2017

Ben Kaufmann
A4
On view through April 6th 2018

The exhibition, A4 by Ben Kaufmann is based on a series of photographs, all of which were taken on a stretch of the A4 motorway between the cities of Cologne and Aachen from 2013 to 2017. The series documents existing components found within this public space and emphasizes two key focal points, the Weisweiler brown coal power station and commercial lorries travelling on the motorway. The Weisweiler power station is one of the most environmentally damaging in Germany and has become symbolic of environmental discussions, the demand for an energy revolution and for ensuing societal and workplace controversies. The lorries that Kaufmann photographs on this stretch of motorway depict advertisements that, for the most part, present a sexist view of women and ignore critical discourse about socially established gender stereotypes.

In passing neither the power station nor the lorries advertised messages are explicitly scrutinized, they become just a part of the everyday exterior space that passes us all by. The motif, however, is repeated and concentrated in the photographs allowing for an altered code of awareness of ‘what is ok and what is not ok’ and of dependencies between subjectivity and the collective perception to arise within us (see here: Robert Pfaller, Die Illusionen der anderen – Über das Lustprinzip in der Kultur, 2002). However, the valid reality on the roads stands beyond all legitimate discussions on this subject. The motif of the power station in the landscape, together with the horizon, symbolizes a romantic view of industry culture and the subject of the motorway an idealized claim to freedom, according to the slogan ‘Freie fahrt’ (free travel).

Furthermore, messages such as „Democracy wins in Turkey” and „Logistics for a better world” are placed on the lorries of globally operating Turkish shipping companies. Here reality mixes with state propaganda and prospering economic interests ad absurdum. The road as a public space is ideologically subject to varying interests and related claims of ownership. Ben Kaufmann likewise makes use of this space and shoots the photos in his A4 series from within a moving car. The interior of the vehicle is implied through the windows, door frames and wing mirrors that can be seen in the photos, this conforms to formal conventions of landscape photography, where for example depth of space in the composition is created by a kind of draping of the foreground. This artistic guerrilla strategy is suggestive of snap-shots, having said this, it actually deals with targeted photographs, since it is primarily about the image itself.

Ben Kaufmann, A4, 2013 – 2017

Interview at Cologne Main Train Station, 23.02.2018

Jochen Schmidt: We don’t have much time, so following the motto „let’s get straight to the point, darling”, I would like to talk about your A4 series and the current debate about sexism. What significance does it have for your artistic approach and more specifically for you personally?

Ben Kaufmann: There is definitely a causal connection when we think of the advertising motifs, or rather the sexist depiction of women on the lorries. These are things that I pick up on. The image of gender and role models that has been handed down as a result of this exists and existed even without the current debate. When I began the series A4 in 2013, the debate in question was one of a clear minority, now, however, it is a global discussion.

JS: And for you personally? Until recently, you haven’t stood out as a pioneer for the social role of women; in your gallery, the percentage of female artists was low, or am I mistaken?

BK: That’s right. Over the history of exhibitions at the Neue Aachener Kunstverein during my tenure, the quota was at least balanced. From a social point of view, an opinion on equality and sexism has, in the meantime, become a good thing, it’s comparable to the ability to survive small talk about art or about football without too much damage, even if it’s not really something that you are interested in it.

JS: What are you trying to suggest, that the sexism debate doesn’t really interest you?

BK: No, then I expressed it badly. I see my position more as a seismograph. I pick up on phenomena and developments, this works most directly on the street. Which brings us back to the original question about artistic strategy.

JS: You like to refer to the public space of the street as „your studio“.

BK: For me, the street or public space is a parallel world to the art world, both, however, are existential. Art that is solely generated of itself and only quotes itself is not relevant for me. It is the transfer and the interface that are crucial.

JS: Should this area be interpreted as a transit area, and the lorries are somehow the connection between the worlds you talk about?

BK: Yes and no, the trucks and their advertising messages are more than real. The point is that the advertising messages mostly correspond to a genre of old man’s humour that we find outdated today. The emancipation that has taken place over the last 50 years is completely ignored and it becomes apparent, when we identify them as clients or owners of the company, that this particularly happens in mid-sized businesses.

JS: The old FDP squad?

BK: The new squad or actually it’s just Christian Lindner, at least he understands how to effectively present himself publicly, he is also known for collecting art. I also ask myself, what kind of advertising designers are they?

JS: Of the lorries? Bad ones?

BK: Certainly not in terms of quality, in as much as the advertising banners are, in some instances, well made. Maybe then it’s just like in politics: that’s to say, completely irrelevant who the customer is, you pay and it gets delivered. Someone must have conceived of and implemented the advertising for the AFD, it’s unlikely there was any conviction behind it, right? As an artist your work is also available to all and can be bought by anyone.

JS: I don’t know about that, but now we have drifted a little. Let’s talk about the campaign DEMOCRACY WINS IN TURKEY. These oversized stickers on the trucks actually exist?

BK: Yes, it’s strange. The suppression of the military coup is seen as a welcome opportunity to level out the apparent damages of democracy.

JS: Have I understood this correctly, the logistic companies are pro Edogan?

BK: Of course, they have been profiting from Erdogan for the last 15 years. I have seen these banners on different vehicles from different Turkish companies, so it has to be quasi-organized.

JS: So, you pursue tendencies and things that you detect in everyday life, even though they are visible to everyone?

BK: Well, over the last four years I have spent two hours a day on the A4 motorway between Cologne and Aachen. Things stand out to me and I research them in order to understand them contextually.

JS: That almost sounds like photojournalism, but why is it art then?

BK: When I present it in an art context, then it is absolutely art. But this discussion is 100 years old. We can go beyond the content-related prioritisation of contexts, but we can’t disregard the aesthetic and its perception. Art always has to do with aesthetics or its deconstruction.

JS: That follows on from your interview in Spiegel Online about Pep Gardiola and José Mourinho and the beauty of the game and its efficiency. By the way, that really impressed me. When was it?

BK: 2013

JS: Also when you started the A4 series. At what point can one call it a series?

BK: When the 10th roll of film was full, I knew that more would follow. By the end of 2017 it was around 50, each with 36 photos. I think that is a considerable series. There are also countless mobile phone photos.

JS: You took the photos whilst driving?

BK: Yes, luckily nothing happened.

JS: I noticed parallels to Peter Piller’s new book about the series of lorries with women on them as advertising motifs, they were also created between 2013-2017. How do you see the difference to your A4 series?

BK: The time period is identical and we never discussed it. Peter Piller is an established artist and professor, he is represented by renowned galleries and the book was published by Hatje Cantz. These are the prerequisites.

JS: Yet, there is nothing to object to there?

BK: No, it is a comfortable situation to be envious of. Piller has always selected the same view of the rear of the lorry trailer. The typographical content is also colourfully hidden. Let’s put it this way, he collected them or had them collected and then worked on them creatively. The author’s direct physical encounter with the trucks is more than secondary here.

JS: You took your photographs out on the road. So you’re more of a hunter than a conceptual artist?

BK: Yes, I like that.

Ben Kaufmann, A4, 2013 – 2017