Christian Eisenberger

SUPERRETROSPEKTIVE

Eröffnung: 9. November 2018, 18 Uhr
Ausstellung bis 15. Januar 2019

Eine Retrospektive ist eine Kunstausstellung, eine Retrospektive bietet einen Rückblick, eine Retrospektive vermittelt das Gesamtwerk eines Künstlers – und eine Superretrospektive?

Aufblende. Ein Paravent aus gefrorenem Wasser, errichtet in unmittelbarer Nähe eines kleinen Flusses. Diese permeable Wand aus zahlreichen Eiszapfen wirkt sofort wie ein Fremdkörper in winterlicher Landschaft. Nein, nicht wie ein Fremdkörper, dazu passt sie sich zu gut der Landschaft an. Sie gleicht wirkt mehr wie ein künstlich errichtetes Gebilde, dessen Ursprung und Zweck zunächst ungeklärt bleibt. Zudem recken einige der kegelförmigen Zapfen ihre dünnen Enden wider der Anziehungskraft der Erde himmelwärts. Doch nicht mehr lange. Mehrere Filmszenen später erscheint ein junger Mann, der mit etwas Anlauf – nackt – die Eiswand durchbricht. Schnitt. Der zuvor eingeblendete Name benennt gleichzeitig den Schöpfer dieser Eiswand und ihren Zerstörer: „EISENBERGER“. So beginnt der Trailer zu einem Dokumentarfilm, dessen Hauptprotagonist eben jener Eisenberger ist. Christian. Österreichischer Ausnahmekünstler. Seine nunmehr dritte Einzelausstellung in der Galerie Martinetz ist schlicht als SUPERRETROSPEKTIVE betitelt. Wie ist das möglich? In dem bereits erwähnten Trailer zum Film über Christian Eisenberger – dessen Weltpremiere am 30. Oktober 2018 in Leipzig stattfindet – heißt es, der Künstler habe inzwischen über 45.000 Werke geschaffen. Man muss sich das nur einmal kurz vorstellen, um anschließend festzustellen, dass ein Museum für diese Anzahl an Werken erst noch gebaut werden muss. Eine Superretrospektive kann also keine Retrospektive sein. Nicht bei Christian Eisenberger. Was dann?

Die Beschäftigung mit der Natur spielt bis heute im Schaffen von Christian Eisenberger eine wichtige Rolle. Immer wieder entstehen viele seiner Werke direkt in der Natur und häufig auch qua der Natur. So ist in Eisenbergers SUPERRETROSPEKTIVE in Köln eine unbetitelte Installation aus Kletten (Arctium) zu sehen. Dafür sammelte der Künstler Tausende dieser Früchte, die winzige elastische Häkchen besitzen und gerne an Kleidern und Fellen von Tieren hängen bleiben – sich jedoch auch gegenseitig verhaken können. So setzte er Klette um Klette um einen von der Decke hängenden Kern. Das fertige Gebilde erinnert an einen menschlichen Körper. Darunter – auf dem Boden installiert – formte er aus Kernen einen fünfzackigen Stern. Für eine jüngere Serie ließ er Äste und Baumteile als Aluminiumgüsse abbilden, die durch die Materiallegierung zwar silberfarben schimmern, aber sämtliche Details wie Seitenknospen oder Baumrinde täuschend echt wirken lassen. Natur wird somit zur verfremdeten Natur, organisches wird anorganisch, indem sich ihre materielle Beschaffenheit und Farbigkeit ändert. Zusätzlich werden von Eisenberger an die Aluminiumäste Gegenstände wie ein aus Bronze gegossener gekreuzigter Jesus Christus gehängt und damit inhaltlich erweitert.

Auch die Beutefangtechniken von natürlichen Jägern finden in den Werken Christian Eisenbergers Niederschlag. Für seine Serie der Spinnwebarbeiten ließ er die Spinnentiere (Arachnida) als perfekte Fallensteller nämlich selbst in eine Falle tappen. Mit geübten Handgriffen entfernt der Künstler die zuvor von den Webspinnen angefertigten Netze, die er mit Hilfe von Leim und Haarspray auf Leinwand- oder Papiergrund fixiert. Ähnlich wie bei Arnulf Rainers Übermalungen geht es Eisenberger nicht um das Auslöschen oder Zerstören. Im Gegenteil: durch die teils übereinander gelegten Beutefangkonstruktionen (man denke etwa auch an die „Fallen“ von Andreas Slominski) werden Details hervorgehoben. Der Oberfläche wird ein natürliches Raster eingeschrieben; ein zeichnerischer Eindruck entsteht. So sind es vielfach meist beiläufige Dinge, die wir im Alltag kaum wahrnehmen, denen Christian Eisenberger Aufmerksamkeit schenkt. Mit kleinen Gesten entstehen auf diese Art große Werke voller Humor und Empathie für die Wunder der Natur.

Seit Jahren beschäftigt sich Eisenberger auch mit dem menschlichen Kopf, genauer mit seiner Grundform. In unterschiedlichen malerischen Techniken bildet er dabei immer wieder das Grundprinzip der menschlichen Physiognomie ab, das meist aus drei geometrischen Formen und dem Umriss des Kopfes besteht. Zwei nebeneinander stehende Kreise symbolisieren die Augen, ein einzelner Kreis den Mund, der in den Werken von Eisenberger wie ein Ausdruck des Staunens oder des Schocks wirkt. Eisenbergers „Scribbles“ entstehen auf DIN A4-Papieren mit Kugelschreiber nebenbei – auf Zugfahrten, beim Fernsehen, am Telefon oder während Gesprächen. Ornamente von Figurenumrissen die das ganze Blatt bedecken wechseln sich ab mit Zeichnungen, auf denen sich alltägliche Notizen wie Banknummern oder erste Ideenskizzen für später entstehende Installationen oder Skulpturen finden. Je genauer man hinschaut, desto mehr kann man entdecken. So zum Beispiel auch Alltagsweisheiten, die an den frühen Martin Kippenberger denken lassen: „Welches Laub fällt nicht von Bäumen? Urlaub“.

Hendrik Bündge

Christian Eisenberger wurde 1978 in Semriach, Österreich geboren. Er studierte bei Brigitte Kowanz an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Er lebt und arbeitet in Wien. Für 2020 ist seine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland in der Kunsthalle Gießen geplant.