Christian Eisenberger

Exhibition view, Christian Eisenberger, SUPERRETROSPEKTIVE, 2018
Exhibition view, Christian Eisenberger, SUPERRETROSPEKTIVE, 2018
Exhibition view, Christian Eisenberger, SUPERRETROSPEKTIVE, 2018
Exhibition view, Christian Eisenberger, SUPERRETROSPEKTIVE, 2018
Exhibition view, Christian Eisenberger, SUPERRETROSPEKTIVE, 2018

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SUPERRETROSPEKTIVE
Eröffnung: 9. November 2018, 18 Uhr
Ausstellung bis 18. Januar 2019

Eine Retrospektive ist eine Kunstausstellung, eine Retrospektive bietet einen Rückblick, eine Retrospektive vermittelt das Gesamtwerk eines Künstlers – und eine Superretrospektive?

Aufblende. Ein Paravent aus gefrorenem Wasser, errichtet in unmittelbarer Nähe eines kleinen Flusses. Diese permeable Wand aus zahlreichen Eiszapfen wirkt sofort wie ein Fremdkörper in winterlicher Landschaft. Nein, nicht wie ein Fremdkörper, dazu passt sie sich zu gut der Landschaft an. Sie wirkt mehr wie ein künstlich errichtetes Gebilde, dessen Ursprung und Zweck zunächst ungeklärt bleibt. Zudem recken einige der kegelförmigen Zapfen ihre dünnen Enden wider der Anziehungskraft der Erde himmelwärts. Doch nicht mehr lange. Mehrere Filmszenen später erscheint ein junger Mann, der mit etwas Anlauf – nackt – die Eiswand durchbricht. Schnitt. Der zuvor eingeblendete Name benennt gleichzeitig den Schöpfer dieser Eiswand und ihren Zerstörer: „EISENBERGER“. So beginnt der Trailer zu einem Dokumentarfilm, dessen Hauptprotagonist eben jener Eisenberger ist. Christian. Österreichischer Ausnahmekünstler. Seine nunmehr dritte Einzelausstellung in der Galerie Martinetz ist schlicht als SUPERRETROSPEKTIVE betitelt. Wie ist das möglich? In dem bereits erwähnten Trailer zum Film über Christian Eisenberger – dessen Weltpremiere am 30. Oktober 2018 in Leipzig stattfindet – heißt es, der Künstler habe inzwischen über 45.000 Werke geschaffen. Man muss sich das nur einmal kurz vorstellen, um anschließend festzustellen, dass ein Museum für diese Anzahl an Werken erst noch gebaut werden muss. Eine Superretrospektive kann also keine Retrospektive sein. Nicht bei Christian Eisenberger. Was dann?

Die Beschäftigung mit der Natur spielt bis heute im Schaffen von Christian Eisenberger eine wichtige Rolle. Immer wieder entstehen viele seiner Werke direkt in der Natur und häufig auch qua der Natur. So ist in Eisenbergers SUPERRETROSPEKTIVE in Köln eine unbetitelte Installation aus Kletten (Arctium) zu sehen. Dafür sammelte der Künstler Tausende dieser Früchte, die winzige elastische Häkchen besitzen und gerne an Kleidern und Fellen von Tieren hängen bleiben – sich jedoch auch gegenseitig verhaken können. So setzte er Klette um Klette um einen von der Decke hängenden Kern. Das fertige Gebilde erinnert an einen menschlichen Körper. Darunter – auf dem Boden installiert – formte er aus Kernen einen fünfzackigen Stern. Für eine jüngere Serie ließ er Äste und Baumteile als Aluminiumgüsse abbilden, die durch die Materiallegierung zwar silberfarben schimmern, aber sämtliche Details wie Seitenknospen oder Baumrinde täuschend echt wirken lassen. Natur wird somit zur verfremdeten Natur, organisches wird anorganisch, indem sich ihre materielle Beschaffenheit und Farbigkeit ändert. Zusätzlich werden von Eisenberger an die Aluminiumäste Gegenstände wie ein aus Bronze gegossener gekreuzigter Jesus Christus gehängt und damit inhaltlich erweitert.

Auch die Beutefangtechniken von natürlichen Jägern finden in den Werken Christian Eisenbergers Niederschlag. Für seine Serie der Spinnwebarbeiten ließ er die Spinnentiere (Arachnida) als perfekte Fallensteller nämlich selbst in eine Falle tappen. Mit geübten Handgriffen entfernt der Künstler die zuvor von den Webspinnen angefertigten Netze, die er mit Hilfe von Leim und Haarspray auf Leinwand- oder Papiergrund fixiert. Ähnlich wie bei Arnulf Rainers Übermalungen geht es Eisenberger nicht um das Auslöschen oder Zerstören. Im Gegenteil: durch die teils übereinander gelegten Beutefangkonstruktionen (man denke etwa auch an die „Fallen“ von Andreas Slominski) werden Details hervorgehoben. Der Oberfläche wird ein natürliches Raster eingeschrieben; ein zeichnerischer Eindruck entsteht. So sind es vielfach meist beiläufige Dinge, die wir im Alltag kaum wahrnehmen, denen Christian Eisenberger Aufmerksamkeit schenkt. Mit kleinen Gesten entstehen auf diese Art große Werke voller Humor und Empathie für die Wunder der Natur.

Seit Jahren beschäftigt sich Eisenberger auch mit dem menschlichen Kopf, genauer mit seiner Grundform. In unterschiedlichen malerischen Techniken bildet er dabei immer wieder das Grundprinzip der menschlichen Physiognomie ab, das meist aus drei geometrischen Formen und dem Umriss des Kopfes besteht. Zwei nebeneinander stehende Kreise symbolisieren die Augen, ein einzelner Kreis den Mund, der in den Werken von Eisenberger wie ein Ausdruck des Staunens oder des Schocks wirkt. Eisenbergers „Scribbles“ entstehen auf DIN A4-Papieren mit Kugelschreiber nebenbei – auf Zugfahrten, beim Fernsehen, am Telefon oder während Gesprächen. Ornamente von Figurenumrissen die das ganze Blatt bedecken wechseln sich ab mit Zeichnungen, auf denen sich alltägliche Notizen wie Banknummern oder erste Ideenskizzen für später entstehende Installationen oder Skulpturen finden. Je genauer man hinschaut, desto mehr kann man entdecken. So zum Beispiel auch Alltagsweisheiten, die an den frühen Martin Kippenberger denken lassen: „Welches Laub fällt nicht von Bäumen? Urlaub“.

Hendrik Bündge

Christian Eisenberger wurde 1978 in Semriach, Österreich geboren. Er studierte bei Brigitte Kowanz an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Er lebt und arbeitet in Wien. Für 2020 ist seine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland in der Kunsthalle Gießen geplant.

EISENBERGER, Videostill, 2018, Copyright: MIRA FILM

Christian Eisenberger
SUPERRETROSPEKTIVE

A retrospective is an art exhibition, a retrospective is a review, a retrospective conveys an artist’s complete work – and a superretrospective?

Fade in. A screen of frozen water, erected in close proximity to a small river. This permeable wall made of numerous icicles appears at once like a foreign body in a wintery landscape. No, not like a foreign body, it fits too well into the landscape for that. It looks more like an artificially erected structure, whereby its origin and purpose remains at first unclear. Furthermore, some of the conically shaped icicles stretch their thin ends skywards against the gravitational pull of the earth. But not for long. Several scenes later in the film, a man appears who, with a run-up, breaks through the wall of ice – naked. Cut. The previously displayed name identifies, at the same time, the creator of the ice wall and its destroyer: ‘EISENBERGER’. Thus begins the trailer for a documentary whose main protagonist is the same Eisenberger. Christian. Exceptional Austrian artist. His now third solo exhibition at Galerie Martinetz is simply titled SUPERRETROSPEKTIVE. How is that possible? In the aforementioned trailer for the film about Christian Eisenberger – the world premiere of which will take place in Leipzig on the 30th October 2018 – it states that the artist has created over 45 000 works. One only needs to imagine for a moment in order to realize that an entire museum would have to be built in order to show this number of works. Therefore a superretrospective can not be a retrospective. Not when it comes to Christian Eisenberger. Well what then?

A preoccupation with nature continues to play an important role in Christian Eisenberger’s work today. Again and again, many of his works are created directly in nature and often by means of nature. Thus an untitled installation made of burdock (Arctium) can be seen in Eisenberger’s SUPERRETROSPEKTIVE in Cologne. For which the artist collected thousands of these fruits that have tiny elastic hooks and like to get stuck on clothes and in animal fur – but can also hook onto each other. And so he placed burs on top of burs around a core hanging from the ceiling. The finished structure is reminiscent of a human body. Below – installed on the floor – he formed a five-pointed star out of seeds. As part of a recent series, he reproduced branches and tree parts as aluminium castings that shimmer silver due to the material alloy, but make all the details such as the buds or the bark appear deceptively real. Thus, nature becomes a distorted nature, organic becomes inorganic as its material composition and colour is changed. Additionally, Eisenberger hangs objects such as a crucified Jesus Christ cast in bronze from the aluminium branches, through which their content is broadened.

Even prey catching techniques of natural hunters are reflected in the works of Christian Eisenberger. For his series of spiderweb pieces he allowed spiders (arachnida) as the perfect trappers fall into a traps themselves. With a trained hand, the artist removes the webs previously made by the spiders and fixes them with glue and hairspray onto canvas or paper. Similar to Arnulf Rainer’s overpaintings, Eisenberger is not concerned with extinguishing or destroying. On the contrary it is the details that are emphasized by the partially overlapping traps (think, for example, of Andreas Slominski’s ‘traps’). A natural pattern is inscribed on to the surface; a graphic impression arises. It is the mostly incidental things that we hardly notice in everyday life that Christian Eisenberger pays attention to. It is in this way, with small gestures that great works full of humour and empathy for the wonders of nature are created.

For years now Eisenberger has also been concerned with the human head, more precisely with its basic form. Using a variety of painting techniques he repeatedly depicts the basic principle of human physiognomy, this usually consists of three geometric forms and the outline of the head. Two circles next to each other symbolise the eyes, a single circle the mouth, that appears, in Eisenberger’s work, like an expression of amazement or shock. Eisenberger’s ‘scribbles’ are created on A4 paper with a ballpoint pen – on train journeys, while watching TV, on the telephone or during conversations. Adornments of the outlines of figures that cover the entire sheet alternate with drawings that could be found on everyday notes such as bank numbers or initial sketches of ideas for later installations or sculptures. The closer one looks the more there is to discover. For example, everyday wisdom reminiscent of an early Martin Kippenberger: „Welches Laub fällt nicht von Bäumen? Urlaub“ (Which leaves do not fall from trees? Vacation).

Hendrik Bündge

Christian Eisenberger was born, 1978 in Semriach, Austria. He studied under Brigitte Kowanz at the Universität für angewandte Kunst in Vienna. He lives and works in Vienna. His first institutional solo exhibition in Germany is planned for 2020 in the Kunsthalle Gießen.