2015 | bang bang my Melancholie | CHRISTIAN KEINSTAR

Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz
Christian Keinstar, Installationsansicht 2015, Foto: Tamara Lorenz

bang bang my Melancholie
gang bang my Dystopie

Eröffnung:
Freitag, 28. August 2015, 19 Uhr
Es spricht Andreas Beitin, 20 Uhr
Ausstellung  bis 2. Oktober

Christian Keinstar.
Die Zukunft der Vergänglichkeit

Eines der ersten Kunstwerke von Christian Keinstar ist eine Performance, für die er zunächst viel gegessen hat, um sich anschließend vor laufender Kamera zu erbrechen (Alles muss raus, 2001). Der natürliche Vorgang der Nahrungsaufnahme und des Verdauens wurde künstlich, mittels Medikamenten, geradezu gewaltsam unterbrochen und die Materialität der Lebensmittel transformiert – sie wurden formlos. Durch die olfaktorische Komponente und die durch den Kauvorgang zerkleinerte und für die Verdauung vorbereitete Mahlzeit kommt zudem der Aspekt der Vergänglichkeit hinzu. Anhand dieser frühen Performance können alle bis heute wesentlichen Bestandteile im Werk von Keinstar definiert werden: Materialität, Dynamik, Transformation, Energie und Vergänglichkeit bzw. Tod. Auf so innovative wie unterschiedliche Weise werden diese Aspekte und Themen von dem Künstler immer wieder aufgegriffen, variiert und innerhalb unterschiedlichster Werke und Medien weiterentwickelt. In mehr oder weniger allen seinen Werken und Performances werden Materialien fragmentiert, dekonstruiert, transformiert, dynamisiert, ummodelliert, de-, und neu-kontextualisiert und nicht zuletzt auch in ihrer Vergänglichkeit präsentiert. Die Auswahl der verschiedensten Werkstoffe, die Schaffung von neuen materiellen wie assoziativen Zusammenhängen und das Ausloten von menschlichen Grenzbereichen ist dabei derart präzise gewählt bzw. bestimmt, dass vielen Werken von Keinstar über den Kunstkontext hinaus eine (gesellschafts-)politische Relevanz zukommt.

In Christian Keinstars neuem Werk Piece of Evidence (2015) wird die formale, substanzielle und auch die Bedeutungs-Ebene aufgebrochen: Dem Fenster einer gotischen Kirche nachempfunden steht die aus Beton und Armierungsstahl gefertigte, gut zweieinhalb Meter hohe Skulptur freistehend im Raum; die Struktur des Maßwerkes ist nur noch zum Teil erhalten. Nicht nur der Stahl, auch der Beton scheint von gewaltigen Kräften verzogen, verzerrt, weggebrochen und abgerissen worden zu sein. Unwillkürlich denkt man sofort an Bilder von Kirchen, die durch Erdbeben, Krieg oder Anschläge zerstört worden sind. Der Künstler öffnet mit Piece of Evidence pars pro toto ein ganzes metaphorisches Konvolut an Anzeichen, Indizien, Zeugnissen und Belegen der Zerstörung, des Untergangs, des aufziehenden Endes, des Scheiterns – nicht eines konkreten architektonischen Werkes, sondern zunächst der dahinter stehenden Institution Kirche – sie wurde von Keinstar bereits in früheren Werken kritisch hinterfragt – und darüber hinaus auch ganz allgemein der verschiedenen politischen und ökonomischen Systeme. Der hier zugrunde liegende Stil der Gotik ist ein zutiefst in der europäischen Kultur verwurzeltes transdisziplinäres Konzept, in dem innovative Ideen zusammenkamen und das im übertragenden Sinn hier symbolisch ebenfalls in seiner Zerstörung präsentiert wird. Ist Piece of Evidence auch hierfür ein adäquates Symbol? Oder ist alles nur Ironie, oder gar eine postironische Geste?

Piece of Evidence ist als moralisches Werk zu interpretieren: Es zeigt die Deformation einer prägnanten ur-europäischen Form. Sie ist zwar angeschlagen, verdeutlicht aber in ihrer Verletzung umso mehr ihre Bedürftigkeit nach Schutz, der wiederum in unserem Verantwortungsbereich liegt. Auferstanden aus Ruinen: Das kann die Zukunft dieser Form sein.

Andreas Beitin