Evamaria Schaller


Evamaria Schaller, Becoming Native, #19 (inspired by Surma and Mursi Tribe), 2019

Becoming Native
Eröffnung: Samstag, 6. April 2019, 18 Uhr
Sonderöffnungszeiten zur ART COLOGNE: Donnerstag, 11. April 2019, 18 – 22 Uhr

Ahnenkult. Die Verehrung der Vorfahren. Nur ein Verfahren der uns möglichen zeitlichen und räumlichen Verortung in dieser Welt – erlebt als bewusstseinsfähige Entität am Ende eines weit verwurzelten Geflechts. Eine uralte Praktik, die der existenziellen Begegnung des Menschen mit dem Tod entspringt. Aber auch der existenziellen Begegnung mit dem Leben, als von anderen gezeugte, geborene und gehütete Lebensform, Teil einer langen, in den Nebel der Vorgeschichte reichenden Kette. Es ist ein Identität stiftender Kult, der uns zum Bestandteil eines nahezu überzeitlichen Körpers macht.

Gegenüber den alten Riten und Religionen, die bis heute das Wissen um die Ahnen tradieren, bildet Genetik im Verbund mit digitaler Datenverarbeitung ihr zeitgenössisches Pendant. Seit einem Jahrzehnt ermöglichen einfache Gentests für wenig Geld eine neue Form des Ahnenkults, schneller verfügbar als jeder Gang über Friedhöfe und durch die Archive.

Die Erkenntnis mag dann erschreckend sein. Was ist, wenn wir nun mit einer Ethnie genetisch verbunden sind, mit der wir uns ganz und gar nicht identifizieren wollen oder können? Und was, wenn unsere Herkunft kein Zentrum mehr besitzt, keine Mitte, die wir Heimat nennen möchten?
Vielleicht helfen uns über diese Sorgen die neuen Verwandten hinweg, mit denen wir signifikante Erbinformationen teilen. Kein social network, sondern ein genetic network. Und aus dem Verbund an Eigenschaften und Geschichten stiftet sich vielleicht die neue polymorphe Identität eines biologischen Clans, der bislang im Unbekannten lag.

Evamaria Schaller lotet mit ihrer aktuellen Ausstellung diese Möglichkeiten biomedizinischer Selbstfindung aus. Sie entdeckt fremde Vorfahren in nicht so fernen Zeiten im Osten Europas, im Süden des Kontinents, aber auch in den Weiten Afrikas und Asiens. Der eigene Körper erscheint im inneren genetisch globalisiert. Aber diese Entgrenzung eröffnet nicht nur den Blick auf die Absurdität der Rassenlehre und zieht ein enges Konzept von Heimat in Zweifel, sie wirft auch Fragen nach der eigenen Freiheit auf. Wie bestimmen am Ende Gene unser Schicksal, unsere Identität, unser Handeln und schließlich – unser Sterben?

Die Künstlerin geht aber mit ihrem Kaleidoskop an Verkörperungen über diese Problematik hinaus. Es ist nicht nur das Spektrum von Farben der Haut und der Haare aus dem eigenen genetischen Pool, es sind auch urtümlich wirkende Attribute, die Körper und Gestalt verändern, die Künstlerin zur Praktikerin uns fremder Bräuche machen. Natur und Kultur vermischen sich in einer Gestalt.

Und wie deterministisch wirkt darüber hinaus die Zivilisation und mit ihr die Geschichte der Macht? Welcher Diskurs bestimmt etwa das jeweilige Geschlecht, versehen mit angeblichen Rechten und Pflichten? Welche Eigenschaften sind dann noch entscheidend für die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, einem Volk, einem Staat? Und wann wird Aneignung des Anderen – selbst die wertschätzende – zur Übergriffigkeit?

Wie die Gene werden die kulturellen und sozialen Diskurse und Distinktionen weitergegeben und sie können sich wie diese verändern. In der Mutation liegt der Kern der ganzen Vielfalt, lange Zeit ein Spiel des Zufalls. An der Schwelle zur totalen Selbstverbesserung, die uns Diskurs- und Genanalyse versprechen, blickt Evamaria Schaller auf den existenziellen Grund ihres eigenen Körpers, in dem sich Archaisches, vielleicht sogar Archetypisches verbirgt.

Das Wesen der körperlichen Transformation erschöpft sich dabei nicht in der äußeren Wandlung und der Aneignung von Pflanze, Horn und Pelz. Sie eröffnen eine innere und äußere Interaktion und Kommunikation, die das Territorium eigener Lebenswelten als Verbindungsraum zum Anderen erschaffen und das Schlachtfeld der Hegemonien ersetzt.

Thomas Wolfgang Kuhn, Tiergarten im März 2019

Evamaria Schaller, 1980 in Graz / Österreich geboren, lebt und arbeitet in Köln. Bis 2011 studierte sie bei Prof. Julia Scher Multimedia und Performance an der Kunsthochschule für Medien, Köln. Sie erhielt bereits zahlreiche Preise, Auszeichnungen und Stipendien für ihre Arbeit. Unter anderem das Chargesheimer Stipendium der Stadt Köln (2012), das STARTstipendium bm:ukk des Landes Österreich (2012), Residenzen im Künstlerdorf Schöppingen (2012, 2015, 2017), das Peter Mertens Stipendium (2013) oder 2016 den Förderungspreis des Landes Steiermark. Im Juli 2019 realisiert Schaller ein Projekt im Museum Ratingen, im Frühjahr 2020 werden Werke von Schaller im Austrian Cultural Forum in New York gezeigt. Becoming Native ist die zweite Soloausstellung von Evamaria Schaller bei MARTINETZ.