2015 | Desmodontinae | EVAMARIA SCHALLER

Schaller, 2015, 2, web

Schaller, 2015, 3, web Schaller, 2015, 4, web

EVAMARIA SCHALLER Desmodontinae permanent film installation until december 18th at MARTINETZ photo: Tamara Lorenz

Schaller, 2015, 6, web Schaller, 2015, 9, web Schaller, 2015, I, web

„Da erblickte ich zu meiner Überraschung ein ernstes, aber sehr liebreizendes Gesicht, das mich vom Rand des Bettes her ansah. Es war das Gesicht einer jungen Dame, die neben mir kniete und die Hände unter die Bettdecke geschoben hatte. Ich betrachtete sie mit fast freudigem Staunen und hörte auf zu schluchzen. Sie streichelte mich zärtlich, legte sich neben mich aufs Bett und zog mich lächelnd an sich. Sofort fühlte ich mich wunderbar beruhigt und schlief wieder ein. Doch plötzlich schreckte ich hoch: mir war, als seien zwei Nadeln tief in meine Brust gedrungen. Ich stieß einen lauten Schrei aus. Die Dame richtete sich rasch auf, starrte mich an, ließ sich zu Boden gleiten und schlüpfte, wie mir schien, unters Bett.“ [aus Carmilla von Sheridan LeFanu]

Wir stehen in einem Raum, umgeben von bewegten Bildern und Artefakten, Requisiten einer Erzählung, deren feinmaschiges Netz aus Zeichen und Symbolen sich erst nach und nach erschließt.

Die Hauptlinien dieses Netzes markieren drei Projektionen, in denen sich kurze performative Szenen aneinanderreihen: Frauengestalten in einer leeren maroden Fabrikhalle, oft nackt, mit langen fallenden Haaren, deren Gesichter man nie sieht. Körper, die sich in erotischen Gesten präsentieren, sich im unschuldigen weiß der Jungfrauen durch die Räume bewegen, sich gemeinsam dem erotischen Spiel hingeben oder einsam in skulpturaler Präsenz im Raum verharren. Attribute sind eine Beinprothese, ein Kinderwagen, das weiße Gewand, ein Instrument, aber auch die Nacktheit selbst; Attribute, die unseren Blick immer wieder ablenken, weg vom natürlichen, hin zum sozialen Körper, in den Rollenmuster wie eine zweite Haut eingeschrieben sind. Unterbrochen werden die Szenen durch Aufnahmen von Farbschlieren, die sich langsam im Wasser auflösen – rot, blau, schwarz, die symbolische Verdichtung von gesellschaftlicher Distinktion in der Farbe des Blutes.

Inspiriert ist die Installation „Desmodontinae“ (lat. Vampirfledermäuse) durch die Novelle Carmilla aus dem Jahr 1872. Sheridan LeFanu beschreibt hier die erste lesbische Vampirfigur, Carmilla von Karnstein, die auf einem Schloss in der Steiermark ihr Unwesen an jungen Mädchen trieb.

Evamaria Schaller setzt mit „Desmodontinae“ ihre Suche nach außergewöhnlichen Frauenfiguren fort, die sie u.a. mit der Arbeit „Die Wilderin von Montafon“ (2011) begonnen hat. Die Frauen, denen sie sich hier annähert, sind flüchtige Gestalten, die durch ihr Handeln gängige Muster von Weiblichkeit, Stereotypen des weiblichen Körpers, durchbrechen. Sie beanspruchen eine veränderte Körperlichkeit für sich und sind damit, für den normierten Blick, nur schwer zu fassen. Auch in ihren Performances arbeitet Evamaria Schaller immer wieder mit dem Körper als Material, als Masse im Raum, die einer ständigen Veränderung unterworfen ist. Jeder Körper, so kann man die dabei entstehenden Bilder lesen, ist nur Ergebnis eines Prozesses, ein Material, das erst mit und durch seine*n Träger*in zu einem sozialen Körper geformt wird. Der*die Vampir*in, der*die mühelos ihren körperlichen Aggregatzustand wechselt und sich als untotes Wesen jeglicher gesellschaftlicher Konvention, jeder Normierung entzieht, ist dabei vielleicht der Prototyp eines unabhängigen und geschlechtsbefreiten Wesens, das sich in der einen Welt nimmt, was es braucht, um in der anderen Welt zu sein, was es ist.

Dieser Wechsel von einem Körper in einen neuen anderen, der dem*der Vampir*in in der Fiktion mühelos gelingt, bedeutet in der Realität jedoch nicht selten einen gewaltvollen Eingriff in die körperliche Hülle. Der Wandel bleibt als prothesenhaftes Stigma für jedermann sichtbar. Der so transformierte Körper verharrt in einem Zwischenraum zwischen Realität und Fiktion.

Tasja Langenbach

Evamaria Schaller, 1980 in Graz / Österreich geboren, lebt und arbeitet in Köln. Bis 2011 studierte sie bei Prof. Julia Scher Multimedia and Performance an der Kunsthochschule für Medien, Köln.  Ausgezeichnet mit dem Chargesheimer Stipendium der Stadt Köln (2012), dem STARTstipendium bm:ukk des Landes Österreich (2012) und mit Residenzen im Künstlerdorf Schöppingen (2012 + 2015) und bespielte sie 2013 als Peter Mertens Stipendiatin den Kunstverein Bonn.

Schallers Videoarbeiten wurden bisher unter anderem im Kunstmuseum Bonn (2011 Videonale, 2015 Videonale), in der Bundeskunsthalle Bonn (2010 + 2012), auf dem Filmfestival Rotterdam (2015) und in der virtuellen Ausstellung Frauen Video Arbeiten des ZKM, Karlsruhe (2015) gezeigt. Neben zahlreichen Auftritten in Europa ist es vor allem der ostasiatische Raum indem Schaller performativ agiert, zuletzt 2014 im BACC Bangkok und 2015 beim International Performance Art Festival auf den Philippinen.

 

 Vielen Dank für den technischen Support an Georg Dietzler.
LogoFP_SK Stiftung