2019 | ´Let´s not..´ SELMA GÜLTOPRAK

´Let´s not..´
Opening reception: Saturday, July 6th 2019
The show is on view through August 16th 2019
Finissage: Friday, August 16th 2019, 6 – 10 PM

Selma Gültoprak, ´Let´s not..´, exhibition view, 2019, Photo: Tamara Lorenz
Selma Gültoprak, ´Let´s not..´, exhibition view, 2019, Photo: Tamara Lorenz
Selma Gültoprak, ´Let´s not..´, exhibition view, 2019, Photo: Tamara Lorenz
Selma Gültoprak, ´Let´s not..´, exhibition view, 2019, Photo: Tamara Lorenz
Selma Gültoprak, ´Let´s not..´, exhibition view, 2019, Photo: Tamara Lorenz
Selma Gültoprak, ´Let´s not..´, exhibition view, 2019, Photo: Tamara Lorenz
Selma Gültoprak, ´Let´s not..´, exhibition view, 2019, Photo: Tamara Lorenz
Selma Gültoprak, ´Let´s not..´, exhibition view, 2019, Photo: Tamara Lorenz
Selma Gültoprak, ´Let´s not..´, exhibition view, 2019, Photo: Tamara Lorenz

 – please scroll down for english version –

So ähnlich und in den Details doch so unterschiedlich: Sehnsüchte und Verlangen in vielfältig gestalteten Spielräumen von Herrschaft und Unterwerfung. Eine der vielen, halb verborgenen Zonen unserer verschlungen ineinander verwobenen Gesellschaften. Eine kleine, durch tiefes Vertrauen konstituierte Parallelwelt, die letzte Grenzen testet und erste Wünsche erfüllt.

Die Dominatrix betritt ihre Bühne: eine karge Zelle, ein gekachelter Klinikraum, einen Zwinger für die zu zähmenden Bestien. Das Spiel wird bald ernst, für die Menschen, die sich ihr anvertrauen und sich unter ihrer Führung verwandeln. Schmerz und Lust in tausend Verkleidungen schaffen eine neue Wirklichkeit. Die Nerven gespannt, die Glieder gefesselt, rinnt Schweiß über die Haut, in Minuten und Stunden, die kein Ende nehmen wollen.

Die andere Welt, in den Büros und auf den Straßen, versinkt hinter Gittern und Mauern. Das Tageslicht verschwindet. Ein rotes Licht in einer dunklen Kammer oder grelles Neon im Behandlungszimmer überstrahlen die Sonne mit einem dichteren Licht, verstärkt durch Pein und Demütigung. Nadeln bohren sich in empfindlichste Stellen, Gewichte und Klammern, dehnen und pressen ­– Schläge prasseln nieder und brechen den letzten Vorbehalt: ausgeliefert ist, wer sich selbst ausliefert. „Lass uns tun, was wir nicht tun sollten…“

Nur in den Flammen seiner Vernichtung, kann der Phoenix zu neuem Leben erwachen. Feuer läutert das Erz, brennt alles überflüssige weg. Die Schmiedin beherrscht ihr Metier. In einem dunklen, verwilderten Wald kennt sie den Weg und führt ihre gezähmte Beute an deren Ängsten vorbei in eine Lichtung, strahlend hell, in tausend Farben. Ist das nicht die innerste Wirklichkeit, für jene, die vor Leidenschaft vergehen? Ein Ort der Heilung, der Verbindung mit dem eigenen Grund, streng und konsequent geführt: in allem, nicht allein.

In einer intensiven Recherche hat sich Selma Gültoprak künstlerisch mit diesem Kreis sexuell-erotischer Aktivitäten auseinandergesetzt, der in diesem Fall von selbstbewussten Frauen bestimmt wird. In langen persönlichen Gesprächen mit erfahrenen Dominas in Deutschland und Los Angeles ist die Künstlerin eingetaucht in eine vielschichtige Welt, die neben ihren hedonistischen Aspekten auch komplexe psychologische Dimensionen besitzt. Jenseits medizinischer Methoden und Praktiken ermöglichen sie ihren Klienten, unabhängig von Alter, sozialer Herkunft und Geschlecht, die Befriedigung von tief sitzenden Bedürfnissen, die lange Zeit nur als „pathologisch“ und „pervers“ angesehen wurden.
In Anerkennung dieser therapeutisch zu begreifenden Leistungen widmet Selma Gültoprak das Hauptwerk ihrer Ausstellung den Dominas in Form ihres „Love Monument“. Auf einer Art Tribüne mit 26 Stufen hat die Künstlerin circa 900 Flaschen versammelt, die mit eingefärbtem Öl in unterschiedlichen Farbnuancen und unterschiedlicher Höhe gefüllt sind. Ihre Etiketten verweisen auf die unterschiedlichsten, individuellen Formen des SM, die wiederum frei miteinander zu neuen Kontexten kombiniert werden können. Trotz einer im Aufbau klar definierten Vorderseite ist es auch möglich, hinter diese Tribüne zu treten. So ergeben sich nicht nur unterschiedliche Perspektiven auf die Arbeit selbst, sondern auch auf die anderen Besucher der Ausstellung. Der Blick durch die Flaschen erinnert dabei auch an farbige Glasfenster, wie sie in Kirchen zu finden sind, wodurch unterschwellig eine mystische Stimmung entsteht. Das gilt auch für den Aufbau der Tribüne, die an die Konstruktion der Opferlichter in sakralen Bauten gemahnt.

Selma Gültoprak hat im Zuge ihrer Beschäftigung mit dem Thema systematisch ein umfangreiches Wortfeld erschlossen, das mehrere Kategorien erfasst. So finden sich einerseits die Rollen- oder Selbstbezeichnungen der Dominas: Mistress, Madame, Pet Trainer und andererseits die Namen, die ihre Klienten während des Spiels erhalten: White Rabbit, Property, Good Puppy. Es sind Namen, die mit denen unterschiedlichste Fantasien verbunden sind und die eine alternatives Selbstverständnis vermitteln.
Die Künstlerin benennt auch die Techniken und Werkzeuge: Nipple Play, Bondage, Gates of Hell, Catheter, die imaginären Szenarien, in denen die Aktivitäten stattfinden: der Soundproofed Garage, dem White Room oder dem Black Corridor – und schließlich die physischen und psychischen Effekte und die kommunikativen Formen des Ausdrucks: Humiliation, Total Bliss, Moaning, Crying.
Das Ganze ist dabei mehr als ein exotischer Kosmos mit einer eigenen Art von Mythologie, sondern vor allem ein experimenteller Ort, der gesellschaftliche Rollen und Konventionen spielerisch durch neue und eigene Regeln in Frage stellt. Stellvertretend steht für die hier möglichen Formen der Umkehrung und Verwandlung die Arbeit „Bag“. Die Künstlerin verwendete hier die Lederweste eines Rockers, auch bekannt als „Kutte“, die üblicherweise als Träger von Rangabzeichen und Hinweisen auf die Zugehörigkeit zu einem Club dient. Sie entfernte die Aufnäher, ergänzte Ösen, Ketten und Riemen und schuf damit eine Handtasche, deren Design von Gucci inspiriert ist. Auf der Vorderseite findet sich sogar das Logo der Marke in Form der beiden ineinander verschränkten Majuskeln „G“. Das ultimative Symbol einer spezifischen Form und Idee von Männlichkeit verwandelt sich hier also in ein nicht weniger explizit kodiertes Objekt, einer ebenso spezifischen Form von Weiblichkeit. Die Lederkutte ist am Ende nicht mehr zu erkennen.

Bei der Wahl des Modells griff die Künstlerin gezielt auf eine Tasche zurück, die eine der Dominas auf einer Wunschliste aufführte, die sie auf ihrer Webseite veröffentlichte. Dabei handelt es sich um Gegenstände die anstatt oder ergänzend zu Gaben an Geld für ihre Dienstleistungen von ihren Klienten an sie verschenkt werden können. Diese Wunschgegenstände, oft Accessoires und Kleidungsstücke, sind dann manchmal auch direkt verlinkt mit Versandhändlern, die ihre Waren online anbieten.

Auch die Bildserie „Snot“ spielt mit dem Motiv der Transformation. Mittels Collage und Montage hat Selma Gültoprak Illustration von Figuren aus den Erzählungen Mark Twains über Huckleberry Finn verwandelt: halb Mensch, halb Tier. Sie verweisen auf jene Szenarien, in denen der passive Part sich spielerisch in ein Tier verwandelt, zum Beispiel in einen Hund oder ein Pony, sich entsprechend verhalten muss und so dann auch behandelt wird. Eine klare Ansage hat die Domina Madame Margherite für ihre menschlich-animalischen Probanden, zitiert auf einem metallenen Spruchband: Don’t apologize, correct your behaviour. Die der Kinderwelt entlehnten farbigen Magnetbuchstaben folgen dabei dem schmalen Metallstreifen, der aus einem Stoßdämpfer gefertigt ist und in seiner gewundenen Form an Kalligrafie erinnert. Wie in der Kindheit ist das Thema Erziehung, die damals noch in Konkurrenz zum Spielen steht. Jetzt, im Studio der Domina, fallen Spiel und Erziehung endlich und miteinander versöhnt zusammen.

Auf dem Weg zur Rückkehr in die alltägliche Welt, mag sich der wiedergeborene Phoenix die Frage stellen „Do I drive or am I driven“, treibe ich die Dinge an oder bin ich ein Getriebener? Führe ich oder werde ich geführt/verführt? War das ein Spiel oder ist das ernst? Selma Gültoprak hat für diese wesentliche Frage, die im Grunde alle Bereiche menschlicher Aktivitäten und des Lebens betrifft, ein ungewöhnliches Bild gefunden: ein Haltegriff aus Schokolade, nicht sehr hoch über dem Boden an der Wand angebracht. Worin liegt die eigentliche Funktion der Dinge und der mit ihnen verbunden Handlungen? Welchen Halt bietet ein Griff? Und welchen Halt die Schokolade?

Thomas W. Kuhn, Tiergarten 2019

´Let´s not..´

So similar and yet in the details, still so different: longings and desires in variously designed spaces of domination and submission. One of many partially concealed zones within our interwoven societies. Constituted by deep trust, it is a small parallel world that tests final boundaries and fulfils first wishes.

The Dominatrix enters her stage: a sparse cell, a tiled hospital room, a kennel to tame the beasts. The game quickly becomes serious for the people who entrust themselves to it and who transform themselves under its leadership. Pain and pleasure in a thousand disguises create a new reality. Nerves tense, limbs bound, sweat runs across the skin, for minutes and hours that don’t want to end.

The other world, that of the offices and the streets, falls away behind bars and walls. The daylight disappears. The sun is overshadowed by the red light in a dark chamber or by the bright neon in a treatment room, a denser light intensified by pain and humiliation. Needles drill into the most sensitive places, weights and clamps, stretch and press – blows crack down and break the final reserve: the one who is delivered is the one who surrenders themselves. „Let us do what we should not do…“

Only in the flames of its own destruction can the Phoenix awaken to new life. Fire purifies the ore, burns away all superfluous things. The smith is master of her trade. In a dark, wild forest she knows the way and leads her tamed prey from their fears to a clearing, brightly lit, in a thousand colours. Isn’t that the innermost reality for those who surrender to passion? A place of healing, of connection with one’s own reason, strictly and consistently guided: in everything, not alone.

Through intensive research, Selma Gültoprak deals artistically with this circle of sexual-erotic activities that is determined, in this case, by self-confident women. She conducted long personal conversations with experienced Dominatrixes both in Germany and Los Angeles, in doing so the artist immersed herself in a multi-layered world that, in addition to its hedonistic aspects, possesses complex psychological dimensions. Beyond medical methods and practices, they enable their clients, regardless of age, social origin or gender, to satisfy deep-seated needs that have long been regarded as ‘pathological’ and ‘perverse’. In recognition of these therapeutic achievements, Selma Gültoprak dedicates the main piece in the exhibition to the Dominatrixes in the form of her ‘Love Monument’. The artist has assembled around 900 bottles on a kind of stage that is composed of 26 steps, each bottle is filled with coloured oil of varying hues and shades and filled with various amounts. Their labels refer to the most diverse, individual forms of SM, which in turn can be freely combined with each other to create new contexts. Although the front of the piece is clearly defined, it is also possible to step behind this stage like construction, resulting not only in different perspectives on the work itself but also on the other visitors to the exhibition. Looking through the bottles is reminiscent of stained glass windows found in churches, creating a subliminal mystical atmosphere. This also applies to the construction of the stage, as it evokes the structure on which sacrificial candles in sacred buildings are placed.

Over the course of her engagement with this topic, Selma Gültoprak has systematically tapped into an extensive vocabulary covering several categories. On the one hand, the roles or self designations of the Dominatrixes can be found: Mistress, Madame, Pet Trainer and on the other hand the names that their clients receive during the game: White Rabbit, Property, Good Puppy. They are names that are associated with a wide variety of fantasies and convey an alternative self-image.

The artist also names the techniques and tools: Nipple Play, Bondage, Gates of Hell, Catheter, the imaginary scenarios in which the activities take place: the Soundproofed Garage, the White Room or the Black Corridor – and finally the physical and psychological effects and the communicative forms of expression: Humiliation, Total Bliss, Moaning, Crying.

The whole thing is more than an exotic cosmos with its own kind of mythology, above all, it is an experimental place that playfully questions social roles and conventions through new and unique rules. Here the work ‘Bag’ represents the possible forms of reversal and transformation. The artist utilised a leather vest from a rocker, also known as ‘Kutte’ (cowl), something that usually functions as a symbol of rank and serves as an indication of belonging to a club. She removed the patches, added eyelets, chains and straps creating a handbag with a design inspired by Gucci. On the front, the logo of the brand in the form of two interlocking majuscules of the letter ‚G‘ can be found. Here, the ultimate symbol of a specific form and idea of masculinity is transformed into a no less explicitly coded object, an equally specific form of femininity. At the end, the leather vest is no longer recognisable.

When selecting the model, the artist deliberately chose a bag that one of the dominatrixes named on a wish list published on her website. These are objects that can be gifted to them by their clients instead of or in addition to donations of money for their services. These desired items, often accessories and garments, are sometimes directly linked to mail-order companies that offer their goods online.
The picture series ‘Snot’ also plays with the motif of transformation. Using collage and montage, Selma Gültoprak transformed illustrations of figures from Mark Twain’s stories about Huckleberry Finn: half-human, half-animal. They refer to those scenarios in which the passive part is playfully transformed into an animal, for example into a dog or a pony, they must behave accordingly and are then treated accordingly. The Dominatrix, Madame Margherite has a clear message for her human-animal test subjects, quoted on a metal banner: don’t apologize, correct your behaviour. The coloured magnetic letters, borrowed from the world of children, follow along the narrow metal strip that is made from a shock absorber, its winding shape is reminiscent of calligraphy. As in childhood, the theme is education, which at the time was still in competition with play. Now, in the Dominatrix’s studio, play and education finally coincide and are reconciled with each other.

On the way back to the everyday world, may the reborn Phoenix ask himself „Do I drive or am I driven“, am I the one driving things or am I the driven one? Do I lead or am I led/seduced? Was it a game or is it serious? Selma Gültoprak has found an unusual image for this essential question, a question which fundamentally concerns all areas of human activity and life: a handle made out of chocolate, it is low down on the wall, just a little above the floor. What is the actual function of things and the actions associated with them? What support does a handle offer? And what support does the chocolate provide?

Thomas W. Kuhn, Tiergarten 2019