Girls 3000

Zuzanna Czebatul
Magdalena Kita
KLITCLIQUE
Alex McQuilkin
Mary-Audrey Ramirez
Grace Weaver

Kuratiert von Nelly Gawellek

Eröffnung: 
Donnerstag, 7. Juni 2018, 18 – 21 Uhr
20.00 Uhr: Perforemanzipative Show1lage by KLITCLIQUE

 

I’m just a girl, take a good look at me / Just your typical prototype
Oh, I’ve had it up to here / Oh, am I making myself clear?
I’m just a girl, I’m just a girl in the world / That’s all that you’ll let me be
(No Doubt, 1995)

Seit Feminismus sexy geworden ist, sitzt das Girlie in einer Zwickmühle zwischen selbstbewusster Ermächtigung und kommerzieller Ausbeutung. Als subversive feministische Strategie setzten Protagonistinnen der Punk-Szene (z.B. „Riot Grrls“) die offensive Aneignung von Girlie-Klischees in den 1990ern ein, um den weiblichen Handlungsspielraum zu erweitern. Doch dann wurde ihr kämpferischer Ruf nach „Girl Power“ vom Mainstream Pop aufgenommen und die Lage wurde kompliziert: Ist Miley Cyrus’ Statement, eine Feministin zu sein, ein emanzipatorischer Akt oder eine Marketing-Strategie?

In ihrem 1999 veröffentlichten Pamphlet „Preliminary Materials for the Theory of the Young-Girl“ (dt.: Vorläufige Materialien für eine Theorie des Young-Girl) beschreibt das französische Autorenkollektiv Tiqqun die Entwicklung des Young-Girl zu einer zentralen Rolle in einer kapitalistischen Konsum- und Medienwelt. Ausgestattet mit einem begrenzten Set an „Girlie-Styles“ und Verhaltensweisen fungiert es gleichermaßen als Zielgruppe und Rollenvorbild. Seine Jugend stellt sich widersprüchlich dar, einerseits als pubertäre Phase der Unreife auf dem Weg zur Erlangung eines irgendwann „perfekteren“ Daseins („Wie du dein volles Potential erreichst!“) andererseits als äußerlicher Zustand, den es solange wie möglich zu bewahren gilt. Unter dem Deckmantel des Lifestyle haben sich die mit ihm verknüpften Vorstellungen tief in unsere Gesellschaft eingegraben und das Young-Girl wurde zur geschlechterübergreifenden Autorität, die mittlerweile für Frauen in ihren 50ern ebenso gilt, wie für 25-jährige Boys. Das Girlie, dessen Rebellion oft vorschnell als Koketterie entwaffnet wird, scheint jedoch wieder zum Kampf anzutreten und mischt sich in die gesellschaftlichen Diskurse über Hierarchien, Geschlechterrollen, Konsum und Körperkult ein. Auch in der Kunst knüpft die Auseinandersetzung an die Tradition an. Das Girlie besetzt hier eine Gegenposition zum vorherrschenden Klischee des weißen, männlichen Genies und birgt damit immer noch ein fruchtbares Potential.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von Künstlerinnen, die das Young-Girl als eine starke, subversive und komplexe Rolle beanspruchen, von neo-naiven Girlie-Girls, zu Femme-Machos und sassy Bitches. Sie spielen mit Stereotypen, verdrehen Sexismen und beugen Vorstellungen des Angebrachten, um das Young-Girl aus seiner begrenzten Rolle zu befreien.

Nelly Gawellek

 

Zuzanna Czebatul (1986, Miedzyrzecz, PL) beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit den Strukturen und Dynamiken von Hierarchie. Ihre Serie „Gentle Reminders“ bedient sich einer klassischen Ästhetik. Tondi wurden in der antiken Architektur als dekorative Elemente eingesetzt und dienten der würdevollen Darstellung von Porträts und Büsten. Der Ausschnitt auf den erigierten Penis wirkt dagegen unanständig, wie eine pubertäre Kritzelei. Der Begriff Pornographie stammt aus der Antike und bezeichnet einen exklusiven Bereich der Darstellung von Erotik, zu dem nur Männer mit einer gewissen gesellschaftlichen Stellung Zugang hatten.

Zuzanna Czebatul, Gentle Reminders, 2016, concrete, pigments, 42 x 42 cm

 

Magdalena Kita (1983, Debica, PL) stellt mit den klassischen Methoden der Ikonen-Malerei fabelhafte Szenen dar, in denen schamlose Frauen ihre Körper zeigen, Männer in Besitz nehmen oder sich gegenseitig zerfleischen. Ihr charakteristischer Zeichen-Stil in pastelligen Mädchen-Farben erzählt Geschichten von enthemmten Heldinnen und furchtlosen Frauen – oft sind auch deren Toy-Boys dabei, die aber kaum mehr als die Rolle von Statisten einnehmen dürfen.

Magdalena Kita

KLITCLIQUE (G-Udit und $chwanger, Wien, AT) lehnen sich mit ihren Installationen und Performances gegen die männliche Dominanz im Kulturbereich auf. Auf ihrer Mission zum Goldenen Matriarchat werden Macho-Rapper und weiße Maler-Genies medial und verbal kastriert. Ihre Haltung ist Punk auf trappigen Hip-Hop Beats und bezieht sich damit auch auf Szenen, die ein emanzipatorisches Potential für sich beanspruchen, dabei aber Frauen ausschließen und marginalisieren.

KLITCLIQUE, Foto (c) Elsa Okazaki, 2018

Alex McQuilkin (1980, Boston, MA) beschäftigt sich in ihren performativen Video-Arbeiten mit Frauenrollen. Für „Magic Moments“ reiht sie zum Takt der US-amerikanischen Nationalhymne kurze Sequenzen aus Werbung, Filmen und Videos aneinander, die strahlende „All American Girls“ zeigen. Lachende offene Münder, pirouettendrehend, mit fliegendem Haar verschmelzen die einzelnen Frauen und ihre uniformen Gesten zu einem einzigen Klischee.

Alex McQuilkin, Magic Moments, video still, 2013, Single Channel Video

Für Mary-Audrey Ramirez (1990, Luxemburg) stellt Hacking eins der letzten kreativen und revolutionären Mittel dar. Ihre Girls bewegen sich im virtuellen Raum und kämpfen schwer bewaffnet gegen sexistische Trolls. Der virtuelle Raum, in dem Geschlecht und körperliche Eigenschaften eigentlich irrelevant sind, ist ausgerechnet eine Szene, in der Frauen lange Zeit übersexualisiert und unterdrückt wurden. Mary-Audrey Ramirez nutzt die Naivität des Girlies als Abwehrmechanismus und Hinterhalt.

Mary-Audrey Ramirez, Having loads of thoughts in my bathroom, 2015, yarn on linen, 47 x 43 cm

Grace Weaver (1989, Burlington, VT) nutzt eine offensive Niedlichkeit als Bild-Strategie. Die von ihr dargestellten Szenen spielen zwischen Gym und Schlafzimmer, Smartphone und Schminkspiegel. Ihre Girls und Boys posieren und spielen in einer permanenten Seifenoper aus Flirts und Freundschaften, Selbstdarstellung und Fremdbewertung. In einer pubertären Überbewertung des Alltäglichen, wie sie etwa in den sozialen Medien passiert, wird eine Oberflächlichkeit und Banalität inszeniert, die Grace Weaver wie in einer Karikatur übersteigert und persifliert.

Grace Weaver, Girl waiting, 2017, Kohle auf Polysterol, Beton, (2teilig) 216 x 57 x 30 cm, Foto: Frank Kleinbach, Courtesy: Soy Capitán