2021 | DIE GANZE WAHRHEIT curated by Johanna Adam

 

 

 

 

Louisa Clement
Christian Falsnaes
Šejla Kamerić
Mary-Audrey Ramirez + Max Kreis
Robert Sieg
Sophia Süßmilch

Kuratiert von / Curated by Johanna Adam

08.05. – 19.06.2021

 

DIE GANZE WAHRHEIT, exhibition view, 2021, MARTINETZ, Cologne, Photo: Tamara Lorenz
DIE GANZE WAHRHEIT, exhibition view, 2021, MARTINETZ, Cologne, Photo: Tamara Lorenz
DIE GANZE WAHRHEIT, exhibition view, 2021, MARTINETZ, Cologne, Photo: Tamara Lorenz
DIE GANZE WAHRHEIT, exhibition view, 2021, MARTINETZ, Cologne, Photo: Tamara Lorenz
DIE GANZE WAHRHEIT, exhibition view, 2021, MARTINETZ, Cologne, Photo: Tamara Lorenz
DIE GANZE WAHRHEIT, exhibition view, 2021, MARTINETZ, Cologne, Photo: Tamara Lorenz
DIE GANZE WAHRHEIT, exhibition view, 2021, MARTINETZ, Cologne, Photo: Tamara Lorenz
DIE GANZE WAHRHEIT, exhibition view, 2021, MARTINETZ, Cologne, Photo: Tamara Lorenz

Wie kommt die Kunst zur Wahrheit, wie kommt Wahrheit in die Kunst? Eine Aussage ist dann wahr, wenn sie ihre Entsprechung in der Realität findet. Dieser Überprüfbarkeit entzieht sich die Kunst, das ist ihr großes Potential. Sie entwirft Gegenwelten zur Realität, Modelle für Utopien, sie überzeichnet die Realität, denkt laufende Prozesse weiter und führt sie an ein mögliches Ende. Kunst greift Strukturen der Realität auf und überführt sie in bildnerische Prozesse, um sie infrage zu stellen. Kunst ist am Erkenntnisgewinn interessiert, nicht am Wahrheitsgehalt eines Abbilds von Realität.

Vor etwa einem halben Jahrhundert hat Hannah Arendt die Frage gestellt, ob es so etwas wie „Wahrheit“ überhaupt gibt. Sie ist zu dem Schluss gekommen, dass es die Wahrheit ausschließlich im Plural gibt, dass wir es folglich mit einer Vielzahl an Wahrheiten zu tun haben. Die Subjektivität der jeweiligen Perspektive, die Parameter der eigenen Lebensrealität, die Summe der persönlichen Erfahrungen und nicht zuletzt die unterschiedlichen gesellschaftlichen Normen wirken sich elementar auf die Wahrnehmung und Bewertung von Wahrheit aus. Die zeitgenössische Kunstproduktion ist von einer Vielfalt an Strategien zur Reflektion auf die Realität und die Erzeugung von Gegenbildern geprägt. Dabei ist die Beobachtung interessant, dass die Subjektivität der eigenen Perspektive bei vielen Künstler*innen ein Faktor ist, den sie selbst kritisch reflektieren. Die eigene Person, die eigene Identität, die eigene Erfahrungswelt bilden die Ausgangslage und können, ja sollen nicht negiert werden. Die Möglichkeit der Kunst, Realität subjektiv zu durchdringen, sie zu erproben und zu hinterfragen, bedeutet ihr großes Erkenntnispotential.

Die Ausstellung DIE GANZE WAHRHEIT zeigt sechs zeitgenössische Positionen, die in ihren künstlerischen Ansätzen und Medien äußerst unterschiedlich vorgehen. Ihnen gemeinsam ist die Beschäftigung mit sehr spezifischen Aspekten unserer Lebensrealität, auf die sie reflektieren.

 

How does art come to the truth, how does the truth come to art? A statement is true when it finds its counterpart in reality. Art’s great potential lies in eluding this verifiability. It designs alternative worlds to reality, models for utopias, it redraws reality, rethinks ongoing processes and leads them to a possible end. Art seizes upon structures of reality and transfers them into visual processes in order to call them into question.

Around half a century ago, Hannah Arendt posed the question of whether such a thing as ‚truth‘ exists at all. She came to the conclusion that truth exists exclusively in the plural, that we therefore are dealing with a multiplicity of truths. The subjectivity of each perspective, the parameters of one’s own reality, the sum of personal experiences and, last but not least, various social norms have an elementary effect on the perception and the evaluation of truth. Contemporary art production is shaped by diverse strategies for reflecting on reality and creating alternative images of it. What is interesting to observe, is that the subjectivity of their own perspective is a factor that many artists themselves reflect upon critically. One’s own person, one’s own identity, one’s own experiential world form the point of origin and cannot, in fact should not, be negated. Their subjectivity is not a weakness, but rather a great strength. Art’s ability to subjectively penetrate reality, and to explore and to question it, represents its major potential for insight.

The exhibition DIE GANZE WAHRHEIT (The Whole Truth) features six contemporary positions that are highly diverse in both their artistic approaches and their use of media. Yet they share a preoccupation with and a reflection on very specific aspects of our realities.

 

Louisa Clement, body fallacy #20, 200×160 cm, 2021, Courtesy of the artist and Cassina Projects Milan

Louisa Clement (*1987 in Bonn) geht mit ihrem Werk an Grenzen, die intime Bereiche berühren und gleichzeitig übergeordnete gesellschaftliche Fragen aufwerfen: Lässt sich unsere Identität auf einen Avatar übertragen? Wie unterscheiden sich virtuelle und physische Interaktion voneinander? Die Künstlerin richtet den Blick auf die Fragilität ethischer Normen, die angesichts von digitalen Substituten zu verschwimmen beginnen. Insbesondere ihre neue Werkserie Repräsentantinnen beschäftigt sich mit der Reproduktion des eigenen Ichs und hinterfragt den tradierten Dualismus von Geist und Körper. Clement hat dafür Puppen anfertigen lassen, die genaue Reproduktionen ihrer eigenen körperlichen Erscheinung sind und mittels eines Algorithmus, der auf Informationen von und über die Künstlerin basiert, auch kommunizieren können. Ihre jüngsten Fotografien, bei denen sie mit den Repräsentantinnen arbeitet, führen vor Augen, dass nicht Wahrheit an sich, sondern Attraktivität die Währung aktueller Bilder ist: Der in extremer Nahsicht fotografierte Frauenkörper gehört lediglich einer Puppe. Trotz des Wissens um diese „Körper-Täuschung“ bleibt der Blick jedoch abstrahiert, schwankend zwischen ablehnender und sinnlicher Wahrnehmung.

Louisa Clement’s (*1987 in Bonn) work pushes boundaries that touch upon intimate subjects and at the same time raise overarching social questions: Is it possible to transfer our identities to an avatar? How do virtual and physical interactions differ from one another? The artist focuses on the fragility of ethical norms that are becoming indistinct in the face of digital substitutes. In particular, her new series of works Repräsentantinnen deals with the reproduction of the self and questions the traditional dualism of mind and body. To this end, Clement has had dolls produced that are exact reproductions of her own physical appearance, and can communicate by means of an algorithm based on both information from and about the artist. Louisa Clement’s most recent photographs, in which she works with the Repräsentantinnen, demonstrate up close that the currency of present images lies not in truth per se but in attractiveness: the female body that has been photographed in extreme close-up belongs to a doll. Despite knowledge of this „bodily illusion“, the gaze remains abstracted, wavering between dismissive and sensual perception.

Christian Falsnaes, Time / Line / Movement, 2018, ongoing since 2013, Performance, felt-tip pen on paper, photograph, in 2 parts each 42 x 39.8 cm, Photo: Dr. Sylvia Martin performs as part of the exhibition Force, March – June 2018, Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld, Courtesy of the artist and PSM, Berlin

Christian Falsnaes (*1980 in Kopenhagen) untersucht in seiner Kunst soziale Konventionen und Rituale. Dabei tritt er nicht selten in direkte Interaktion mit dem Publikum. In seiner konzeptuellen Serie Time/Line/Movement setzt er sich mit den Mechanismen von Kunstproduktion und Kunstmarkt sowie mit den Begriffen Autorschaft und Originalität auseinander. Dem Werk liegt eine originale Zeichnung des Künstlers zugrunde. Wer diese allerdings ausstellen oder erwerben möchte, muss selbst eine handgefertigte Kopie der Zeichnung anfertigen. Das Original wird vernichtet und eine Fotografie des Vorgangs wird zum Teil des Werks. Auf diese Weise vermischen sich die Rollen im System: Der Künstler gibt einen Teil seiner Autorschaft ab und der/die Erwerbende wird zum (Co-)Produzenten der Kunst.

Christian Falsnaes (*1980 in Copenhagen) explores social conventions and rituals in his art. In doing so, he often interacts directly with the audience. He explores the mechanisms of art production and the art market as well as the concepts of authorship and originality in his conceptual series Time/Line/Movement. The work is based on an original drawing by the artist. However, anyone wishing to exhibit or purchase it must themselves produce a handmade copy of the drawing. The original is then destroyed and a photograph of the process becomes a part of the work itself. As a result, the roles within the system blur: the artist relinquishes part of his/her authorship and the acquirer becomes the (co-)producer of the art.

 

Šejla Kamerić, If I sleep it will be double, 2009, silk, ink, cotton, various sizes, Courtesy of the artist and Tanja Wagner, Berlin

Šejla Kameric (*1976 in Sarajevo) arbeitet mit Performance, Interventionen, Film, Fotos und Objekten. Oft greift sie dabei auf persönliche Erfahrungen zurück, die in enger Verbindung mit ihrer eigenen Biografie stehen. So sind es bei der Installation If I sleep it will be double Tagebücher und Notizen von unterschiedlichen Personen, die sie zur Grundlage genommen hat. Während des Bosnienkriegs (1992-1996) haben diese Menschen ihr persönliches Erleben der Zeit auf ganz unterschiedliche Weise dokumentiert. Diese Notizen hat die Künstlerin mit weißer Schrift auf weiße Bettwäsche übertragen. Einer ihrer Freunde hat lediglich die Tage gezählt und musste nach 1000 Tagen feststellen, dass der Ausnahmezustand zur neuen Normalität geworden war. Währenddessen dokumentierte der emeritierte Direktor der technischen Universität die Namen aller Menschen, die er kannte und während dieser Zeit sah. Das dritte Tagebuch ist das eines Mädchens, das zu Beginn der Besatzung zehn Jahre alt war. Sie beschreibt einerseits Alltägliches, kommentiert aber auch das politische Geschehen aus ihrer eigenen, kindlichen Perspektive. Für ein viertes Bettwäsche-Set hat die Künstlerin ein Wand-Graffito aufgegriffen, das einer der UN-Soldaten in Sarajevo hinterlassen hat. Šejla Kameric schafft mit dieser Arbeit einen persönlichen und unmittelbaren Zugang zu Kriegserinnerungen. Anders als Berichterstattung und Dokumentation, liefert sie aber keine objektivierbaren Fakten, sondern private, subjektive Wahrheiten.

Šejla Kamerić’s (*1976 in Sarajevo) work includes film, photography, objects and drawings. Her artistic practice is dedicated to themes relating to transtemporal history, but also to personal experiences. As with the metaphor of The Pillow Book title (a Japanese diary from the 10th century), the work If I sleep it will be double collects moments of intimacy, excerpts of reality and dreams, hidden desires of love and a desire of prosperity under the extreme circumstances of war and death.
 Four sets of bedding are painted with four different war diaries. The atmosphere of those times is depicted on duvets and cushions; the viewer may make out a passage from a young girl’s detailed reflections; instructions on how to make an oil lamp; a food recipe that requires minimal ingredients; a soldier’s calendar – crossing the days of his post; maps of one man’s journey with a list of the people encountered in his daily routine; a young man’s systematic counting of days under the siege. The act of recording becomes a necessity of survival, a basic need to overcome the limitations and chaos, and it becomes a historical testament. By sleeping on these written words, this testament gets its double, it stays recorded in our deeply private space.

 

Robert Sieg, Der unsichtbare Teich, film documentary/essay, 75 min.,2015, Courtesy of the artist

Als Filmemacher entwickelt Robert Sieg erzählerische Essays, in denen sich Bild-, Ton- und Textebene auf komplexe Weise miteinander verzahnen. Er arbeitet häufig mit Found Footage, also gefundenem Material, das er sampelt und zu einer filmischen Collage zusammensetzt. Dabei gelingt es ihm, weder die filmischen Bilder illustrativ noch den Text deskriptiv einzusetzen,
sondern durch die Verschränkung beider Ebenen neue Assoziationsfelder zu öffnen.

As a filmmaker, Robert Sieg (*1984 in Berlin) develops narrative essays in which image, sound and text are complexly intertwined. He often works with found footage that he samples and assembles into a cinematic collage. In doing so, he neither uses the cinematic images illustratively nor the text descriptively, but opens up new fields of association by interweaving both of these layers. In his film The Invisible Pond, he draws on the ancient myth of Narcissus and transfers its central theme into our present day. It is a story about a society in which the individual has the highest priority. Each ego is challenged to distinguish and assert itself against the others. For this, Sieg finds striking visual and linguistic images in his cinematic essay.

 

Mary-Audrey Ramirez + Max Kreis, Dormin XVII, 2021, various sizes, mixed media, Courtesy of the artists and MARTINETZ, Cologne

In ihren virtuellen und skulpturalen Arbeiten untersuchen Mary-Audrey Ramirez und Max Kreis die analogen und digitalen Lebensrealitäten unserer Gegenwart. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Welt des Video-Gamings. In dieser digitalen Sphäre können ganze Universen entstehen, in die die Spieler*innen mitunter tief abtauchen, um Verborgenes zu entdecken oder Ungeklärtes zu entschlüsseln. Was die Parallelwelt der Spiele jedoch auszeichnet, ist ihre Unvollständigkeit. Sie reichen nur so weit, wie die Storyline es erfordert. In der Community der Spieler*innen werden deswegen mittlerweile die Geschichten weitergesponnen, neue Wesen erdacht und Erklärungen für ungelöste Fragen ersonnen. Mary-Audrey Ramirez und Max Kreis widmen sich diesen (Parallel-)Realitäten schon seit einiger Zeit und experimentieren mit deren Übersetzung in eine analoge, dingliche Welt. Für die Ausstellung DIE GANZE WAHRHEIT haben sie ein Wesen entworfen, das aus den kollektiven Überlegungen der Gaming-Community zur Fortschreibung des Videospiels „Shadow of the Colossus“ entstanden ist. Zu diesem Spiel haben die Entwickler nur wenig Information geliefert, was die Gesetzmäßigkeiten und Beschaffenheit der Welt betrifft, in der sich die Spieler bewegen. Dieser Mangel an Wissen hat für besonders intensive Diskussionen in der Community geführt. Was ist in dieser Welt möglich, was unmöglich? Was ist richtig und was falsch? Die Unklarheit über eine feste, innerweltliche Logik scheint für die Spieler*innen auch in einer fiktiven Welt nur schwer erträglich.

Mary-Audrey Ramirez (*1990 in Luxemburg) and Max Kreis (*1990 in Wiesbaden) explore our analogue and digital realities in their work. In doing so, a specific focus is placed on the world of video gaming. Entire universes can emerge within this sphere, however they remain rudimentary. They stretch only as far as the storyline requires. As a result, the community of players continues to spin the tales and search for explanations for unanswered questions. Ramirez and Kreis have been exploring these (parallel) realities for some time now, and experimenting with their translation into an analogue world. They have designed a creature for the exhibition that arose from the collective reflections of the gaming community for the game Shadow of the Colossus. The lack of information given, led to intense discussions amongst the community. What is possible inside this world, and what is impossible? What is right and what is wrong? Lack of certainty about a fixed, inner-worldly logic seems difficult to accept, even within a fictitious world.

Sophia Süßmilch, Die ganze Wahrheit, 2021, oil on canvas, 128×99 cm, Courtesy of the artist and MARTINETZ, Cologne

Sophia Süßmilch bewegt sich virtuos zwischen den unterschiedlichen Medien. In ihren Performances und fotografischen Selbstportraits reflektiert sie häufig auf Körpernormierungen und Identitätsmuster, die unsere Fremd- und Eigenwahrnehmung gleichermaßen prägen. Mit viel Humor nimmt sie Kategorien wie Geschlecht, Alter oder Beruf in den Blick und spielt mit Zuschreibungen und Klischees, die darauf rekurrieren. So spielt sie in Abracadabra (You wish you could vodoo like we do) auf die Attributierung von weiblicher Macht in religiösen Kulten an. In ihren Gemälden entführt sie die Betrachter oft in Parallelwelten voller merkwürdiger Wesen, die mehr mit uns zu tun haben, als man auf den ersten Blick meinen möchte. Nicht selten sind es die hintersinnigen Titel ihrer Arbeiten, die die grotesken Wesen auf ihren Leinwänden in einen Bezugsrahmen zu unserer Lebensrealität setzen.

Sophia Süßmilch (*1983 in Munich) skilfully moves between various media. Her performances and photographic self portraits often reflect on bodily norms and identity patterns that shape our perception of others and ourselves in equal measure. She humorously tackles categories such as gender, age or profession and plays with attributions and stereotypes that refer back to them. Her paintings often transport the viewer into parallel worlds full of strange creatures that have more to do with us than one might at first think. It is frequently the cryptic titles of her works that bring the grotesque creatures appearing on her canvases into a frame of reference with the reality of our lives.