Albert Mayr

Albert Mayr, Prepared Piano, water colour on paper, 29,7×42 cm, 2022

LISTEN TO THE PICTURES
Eröffnung: 03.02.2023, 19-22 Uhr
Konzert: 20 Uhr

Ausstellung bis 20.03.2023

Synästhesie ist ein eher selten gebrauchtes Wort. Es meint die Verbindung und Erweckung unterschiedlicher Sinneserfahrungen durch einen Reiz: Farben klingen, Klänge werden fühlbar, Gefühle erregen ein Schmecken. Die möglichen Kombinationen sind vielfältig. Diese komplexe Erfahrung ist nicht nur eine Gabe von wenigen, sondern ein Momentum, das vielen zugänglich ist, wenn sich Musik und körperlich bewegender Tanz verbinden, Geruch mit Geschmack und Konsistenz eines Essens einhergehen. Scheinbar getrennte Eigenschaften der sinnlich erlebbaren Welt, sind in der wirklichen Praxis des Lebens miteinander verbunden.

Albert Mayr hinterlässt in seinen Werken eine Spur dieses Erlebens, ein Vera Ikon, ein wahres Bild dieser Erfahrung, das Zeugnis einer Praxis des Lebens. Es sind Zeugnisse, deren manifeste und konkrete Form als stehendes Bild, Objekt, Installation oder zeitbasiertes Ereignis die Saat eines erneuten, aber eigenen Erlebens für die Betrachter:innen bilden können. Zugleich ein Begreifen. Es ist eine halluzinatorische Kraft die als Potenzial der Welt und der Kunst an sich zu eigen ist, die alltägliche und doch selten wirklich begriffene ergreifende Vermischung von Subjektivität und Objektivität vereint und das Prinzip der reinen Vernunft spielerisch überschreitet. Es gibt in der Welt selbst, eine andere, darüber hinaus. Die Sucht nach Verschwörung ist vielleicht nur der Hunger nach Mystik, die als ungestilltes Bedürfnis seit über 200 Jahren die Klippen der Aufklärung markiert. Wir kämpfen mit der Romantik.

Albert Mayr zeichnet mit der Ausstellung eine Spur durch ein ganzes Jahr seines Lebens. Gerahmte und ungerahmte „Pocket Paintings“ des Jahres 2022 zeichnen die Linie, vielfältig im Singular. Gefaltetes Papier, über viele Tage in den Taschen der Hosen getragen, verwandelt die Pigmentierung der Farben, die Wärme, der Druck und Feuchte des Körpers macht ein ungemaltes Bild, wie wären wir selbst entfaltet, trügen wir uns so eine Weile selbst, mit uns herum? Dann auch der Korpus eines Flügels mit hochrankenden Kakteen, schnell im Wuchs, verfügbar für mannigfaltige Aufpfropfungen. Auch ein eher seltenes Wort: Aufpfropfen.

Aus dem Klangkörper ragt das Leben, aus dem Leben die Vision. Leichter als Metall: der Rahmen ist entkernt und eine neue Behausung. Zudem picken Hühner, im Modus der Aufzeichnung, auf Drum-Pads. Was würde Karlheinz Stockhausen sagen und was John Cage? Der Zufall ist auch nur eine Entscheidung: „Chicken Stock Hausen“ – geh mit mir in den Keller.
Die psychedelische Dimension steuert auch die keramischen Arbeiten an. Die Pilze könnten Klöppel sein, für eine unerhörte Musik. Wild wirbelt die blonde Perücke fest am Kopf verhaftet hell erleuchtet durch den dunklen Raum. Ich bin da, wenn auch da, nur im Hier und Jetzt. Könnten wir auch anders sein? Mehr erfahren, jenseits der kontingentierten Plätze auf dem ewigen letzten Schiff?

Es ist ein Wahnsinn der Ruhe, mitten im Wirbel. Technische Surrogate bilden eine gestörte Brücke im Glanz unserer Selbstüberholung. Ich bin nicht da und werde nicht sein, in meinem eigenen Jenseits. Ich erweitere den Horizont im Klang der Zerstörung, der Krach, der Donner, wenn ich nicht mehr bin und dennoch atme. Stoffwechsel. Alchemie. Die Reise mit mir. Die Reise in mir. Es geht die beständige Gefahr der Ent- und Verführung aus.

Thomas W. Kuhn, Flingern im Januar 2023

 

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Opening: 03.02.2023, 7-10 PM
Concert: 8 PM

Exhibition until 20.03.2023

Synaesthesia is a somewhat seldom-used word. It means the connection and awakening of various sensory experiences via a stimulus: colour can be heard, sounds felt and feelings evoked through taste. The possible combinations are manifold. This complex experience is not just a gift of the few, but a momentum accessible to the many when music and dance combine, when the smell, taste and texture of a meal come together. The seemingly separate qualities of the sensually experienced world become interconnected in the real practice of life.

Albert Mayr leaves a trace of this experience behind in his works, a vera icon, a true image of this experience, the testimony of a life practice. It is testimonies whose manifests and tangible form as a standing image, object, installation or time-based event can sow the seeds of a renewed, but individual experience for the viewer. At the same time a comprehension. It is a hallucinatory power that is inherent as a potential of the world and of art itself, the everyday and yet rarely really comprehended poignant mixture of subjectivity and objectivity united, and the principle of pure reason playfully transcended. In the world itself, there is another, beyond it. The addiction to conspiracy is perhaps just a hunger for mysticism, that has marked the precipice of enlightenment as an unfulfilled need for over 200 years. We struggle with romanticism.

Albert Mayr’s exhibition traces an entire year of his life. Framed and unframed ‘Pocket Paintings’ from the year 2022 draw the line, manifold in the singular. Folded paper, carried inside trouser pockets for many days, the pigmentation of the colours, the warmth, the pressure and dampness of the body transforming into an unpainted painting, how would we be unfolded if we carried ourselves around like this for a while? Then there is the corpus of a grand piano with towering cacti, fast-growing, ready to be grafted in a variety of ways. Also a rather seldom used word: grafting.

Life rises from the sound of the body, vision from life. Lighter than metal: the gutted frame is a new dwelling. What’s more, chickens peck at drum pads, in recording mode. What would Karlheinz Stockhausen say, and what about John Cage? Chance is also just a decision: ‘Chicken Stock Hausen’ – go with me to the cellar.
The ceramic works are also driven by the psychedelic dimension. The mushrooms could be clappers from music unheard. The blond wig, firmly attached to the head, swirls wildly and brightly through the dark room. I am there, if there, only in the here and now. Could we be any other way? Experiencing more, beyond the contingent places on the eternal last ship?

It is a frenzy of calm, in the midst of turbulence. Technical surrogates form a disturbed bridge in the splendour of our overhauling. I am not there and will not be, in my own beyond. I expand the horizon in the sound of destruction, the noise, the thunder, when I am no more and yet still breathe. Metabolism. Alchemy. The journey with myself. The journey within me. The danger of abduction and seduction emanates.

Thomas W. Kuhn, Flingern, January 2023