Christian Eisenberger
GEH WIE TEER vs GEH BIER GEH
9975-15822-34379

Opening: Thursday, 18.11.2021
Exhibition until 14.01.2022

Christian Eisenberger, o.T., 2018, Courtesy of the artist and Galerie Krinzinger, Wien

Es ist quantitativ, formal und inhaltlich ein äußerst vielfältiges Werk, dass Christian Eisenberger fortwährend schafft. Es ist ein Werk, dass sich in seiner Vielfalt und Komplexität einem vereinfachenden Zugriff entzieht, dennoch zugänglich ist in seiner unmittelbaren Sinnlichkeit. So ist jede Ausstellung notwendigerweise das Fragment eines Fragments, kuratorisch immer wieder neu zu einer Einheit geformt, die in seinen Teilen vom Ganzen erzählt.

In der aktuellen Schau verbindet die Galerie Petra Martinetz eine abstrakt-figurative Gemäldeserie mit Fotografien von Land Art Installationen, zentriert um eine Skulptur mit integralem Hirschgeweih. Auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Medien, die jedoch mehr verbindet, als ihr gemeinsamer Produzent. Die menschliche Figur bildet als Motiv einen deutlichen Ankerpunkt zur Orientierung und ist in ihren Abwandlungen der Protagonist vieler Werke. Auch mit ihren nicht-figurativen Sujets verbindet sie ihr zeichenhafter Charakter und ein fortwährendes Spiel mit den materiellen Mitteln des Ausdrucks und der Gestaltung.

Christian Eisenberger experimentiert fortwährend mit den Möglichkeiten des Materials, seien dies Farben, Pflanzenteile oder Schnee. Er nimmt die mögliche Vergänglichkeit des Ergebnisses dabei nicht nur in Kauf, sie ist thematisch Bestandteil seines Oeuvres und vermittelt somit den immer prekären Aspekt des Lebens, von Pflanze, Tier und Mensch, betrifft selbst auch die Aggregatzustände des Anorganischen. Die Tonlage bleibt dabei positiv gestimmt, auch wenn sie um ihr Ende weiß.

Die Gemälde sind einheitlich in mehreren Schichten aufgebaut. Die unterste besteht aus horizontal gegliederten Streifen in den Farben Blau, Rot, Gelb und Grün von oben nach unten. Darüber folgt ein orthogonal ausgerichtetes Gitternetz mit weißen und dunklen Farbverläufen. Über diese beiden Raum definierenden Lagen folgen figurative Sujets, die an Bäume und tanzende Männlein erinnern, in einer aufgebrochenen Farbstruktur von Weiß und Grau-Schwarz.

Die Lichtbilder zeigen Totenköpfe aus Schnee und Eis, Kreuze und figürliche Silhouetten in der Natur, im Wald und an Gewässern, in denen zum Teil ebenfalls horizontale und vertikale Formationen aus Ästen und Gräsern, analog zur Malerei, ein Netz bilden. Bemerkenswert sind hier auch die Verwendung von Schnecken, die Motive von Kreuzen oder Anspielungen an die Kunstgeschichte, namentlich Alberto Giacometti. Die Techniken der Collage und Montage verbinden dabei Malerei und Land Art.

Der mysteriös und amüsant klingende Titel ist ein Wortspiel, das auf ein dramatisches Naturschauspiel verweist. Das Motiv des Gewitters im Gebirge steht repräsentativ für einen Widerstreit der Kräfte, der zufälligen Gegebenheit des Wetters gegen die statische Materie der Landschaft, eine Art Parallele zur Aktivität des Künstlers gegenüber dem stofflichen Widerstand der Naturmaterialien, Farbe und Leinwand.

Zugleich handelt es sich um ein klassisches Thema, das der anglo-irische Philosoph Edmund Burke im 18. Jahrhundert unter dem Begriff des Erhabenen fasste. Das Erhabene oder im ursprünglichen Original „sublime“ erfasst eine wesentliche ästhetische Erfahrung der Romantik und damit der frühen Moderne, die das Schöne um die überwältigende Wirkung des Schrecklichen erweitert, das eine massive Auswirkung auf das Erleben kennzeichnet. Die für das Leben prekäre Konfrontation mit der Todesgefahr, respektive der eigenen Sterblichkeit, die ein Gewitter im Gebirge darstellt, ist ein zentraler Punkt in der Kunst Christian Eisenbergers, der nicht nur seine Werke, sondern auch seine Lebenstage zählt. Leben und Werk sind auf das engste verknüpft, eilen mit ihm ebenso vorwärts wie mit unserer Rezeption.

Das Geweih als Signum der Jagdtrophäe, skulptural gefasst, steht für das Werk an sich, als einem Innehalten in der Zeit, das nur für einen Augen-zwinkernden Moment den Triumph über die eigene Endlichkeit feiert. Diese Vergänglichkeit wird evident in den fragilen Konstrukten seiner Land Art, aber auch in den ephemeren Schöpfungen seiner Malerei, die sich Fantasien einer Ewigkeit entzieht und der Gegenwart jeden Vorrang einräumt. Das ist ganz groß und doch ganz klein, wie wir. Lauf über Teer, beschwingt mit Bier.

Thomas W. Kuhn, Flingern im November 2021

Christian Eisenberger, o.T., 2018, Courtesy of the artist and Galerie Krinzinger, Wien

Christian Eisenberger
GEH WIE TEER vs GEH BIER GEH (GO LIKE TAR vs GO BEER GO)

9975-15822-34379

Quantitatively, formally and in terms of content, it is an extremely diverse body of work that Christian Eisenberger constantly creates. It is a body of work that, in its variety and complexity, defies easy accessibility, yet its immediate sensuality makes it readily accessible. Thus, each exhibition is by necessity the fragment of a fragment, curatorially reshaped over and over again into a unity that in its parts is telling of the whole.

The current show at Galerie Petra Martinetz combines an abstract-figurative series of paintings with photographs of land art installations, all centred around a sculpture with integrated deer antlers. At first glance, starkly different media, yet more unites them than their common producer. The motif of the human figure forms a clear point of reference and, in its variations, is the protagonist of many works. Even their non-figurative subjects are linked by their emblematic character and an ongoing play with the material means of expression and design.

Christian Eisenberger is continually experimenting with the possibilities of materials, whether they be paints, plant fragments or snow. He not only accepts the possible transience of the result, but it is a thematic component of his oeuvre and thus conveys the ever precarious aspect of life, of plant, animal and human, even pertaining to the aggregate states of the inorganic. The tone remains positive, despite being aware of its end.

The paintings are constructed uniformly in layers. The bottommost consists of horizontally structured stripes of blue, red, yellow and green from top to bottom. An orthogonally aligned grid with white and dark gradients comes next. These two space-defining layers are followed by figurative subjects, which recall trees and dancing men, in a fractured colour structure of white and greyish-black.

The photographs depict skulls made of snow and ice, as well as crosses and figurative silhouettes in nature, forests and by bodies of water, in some of them horizontal and vertical formations of branches and grasses form a network, analogous to the paintings. Here, the use of snails, the motifs of crosses or allusions to art history, namely Alberto Giacometti, are also noteworthy. Thus the collage and montage techniques connect painting and land art.
The both mysterious and amusing-sounding title is a play on words that refers to a dramatic natural spectacle. The motif of a thunderstorm in the mountains is representative of a clash of forces, of the random reality of the weather against the static matter of the landscape, a kind of parallel to the activity of the artist in the face of the material resistance of the natural materials, paint and canvas.

At the same time, it deals with a classical theme that the Anglo-Irish philosopher Edmund Burke summarised with the concept of the sublime in the 18th century. The sublime captures an essential aesthetic experience of Romanticism and thus of early modernism, it expands the beautiful to include the overwhelming effect of the terrible, which characterises a tremendous impact on experience. Precarious confrontation with the danger of death, or rather one’s own mortality, represented by a thunderstorm in the mountains, is a key feature in Christian Eisenberger’s art, which not only comprises his works, but also his life. Life and work are intimately linked, hastening along with him as much as with our reception of him.

The antlers as a symbol of the hunting trophy, sculpturally framed, stand for the work itself, as a pause in time that celebrates the triumph over its own finiteness for just the blink of an eye. This transience is evident in the fragile constructs of his Land Art, but also in the ephemeral creations of his painting, which eludes fantasies of eternity, granting priority to the present. It’s really big and yet so small, just like us. Run over tar, loping with beer.

Thomas W. Kuhn, Flingern im November 2021