Louisa Clement
Christian Falsnaes
Šejla Kamerić
Mary-Audrey Ramirez + Max Kreis
Robert Sieg
Sophia Süßmilch

Kuratiert von Johanna Adam

08.05. – 19.06.2021

Wie kommt die Kunst zur Wahrheit, wie kommt Wahrheit in die Kunst? Eine Aussage ist dann wahr, wenn sie ihre Entsprechung in der Realität findet. Dieser Überprüfbarkeit entzieht sich die Kunst, das ist ihr großes Potential. Sie entwirft Gegenwelten zur Realität, Modelle für Utopien, sie überzeichnet die Realität, denkt laufende Prozesse weiter und führt sie an ein mögliches Ende. Kunst greift Strukturen der Realität auf und überführt sie in bildnerische Prozesse, um sie infrage zu stellen. Kunst ist am Erkenntnisgewinn interessiert, nicht am Wahrheitsgehalt eines Abbilds von Realität. Vor etwa einem halben Jahrhundert hat Hannah Arendt die Frage gestellt, ob es so etwas wie „Wahrheit“ überhaupt gibt. Sie ist zu dem Schluss gekommen, dass es die Wahrheit ausschließlich im Plural gibt, dass wir es folglich mit einer Vielzahl an Wahrheiten zu tun haben. Die Subjektivität der jeweiligen Perspektive, die Parameter der eigenen Lebensrealität, die Summe der persönlichen Erfahrungen und nicht zuletzt die unterschiedlichen gesellschaftlichen Normen wirken sich elementar auf die Wahrnehmung und Bewertung von Wahrheit aus. Die zeitgenössische Kunstproduktion ist von einer Vielfalt an Strategien zur Reflektion auf die Realität und die Erzeugung von Gegenbildern geprägt. Dabei ist die Beobachtung interessant, dass die Subjektivität der eigenen Perspektive bei vielen Künstler*innen ein Faktor ist, den sie selbst kritisch reflektieren. Die eigene Person, die eigene Identität, die eigene Erfahrungswelt bilden die Ausgangslage und können, ja sollen nicht negiert werden. Die Möglichkeit der Kunst, Realität subjektiv zu durchdringen, sie zu erproben und zu hinterfragen, bedeutet ihr großes Erkenntnispotential.

Die Ausstellung DIE GANZE WAHRHEIT zeigt sechs zeitgenössische Positionen, die in ihren künstlerischen Ansätzen und Medien äußerst unterschiedlich vorgehen. Ihnen gemeinsam ist die Beschäftigung mit sehr spezifischen Aspekten unserer Lebensrealität, auf die sie reflektieren. So setzt sich Christian Falsnaes etwa mit den Mechanismen von Kunstproduktion und Kunstmarkt auseinander und stellt die Begriffe von Autorschaft und Originalität infrage. Louisa Clements jüngste Fotografien führen hautnah vor Augen, dass nicht Wahrheit an sich, sondern Attraktivität die Währung aktueller Bilder ist: Der in extremer Nahsicht fotografierte Frauenkörper gehört lediglich einer Puppe, doch trotz des Wissens um diese „Körper-Täuschung“ bleibt der Blick abstrahiert, schwankend zwischen ablehnender und sinnlicher Wahrnehmung.  Mary-Audrey Ramirez + Max Kreis untersuchen die digitalen Realitäten der Gaming-Welt und experimentieren mit deren Übersetzung in eine dingliche Welt. Für DIE GANZE WAHRHEIT haben sie eine Arbeit entwickelt, die ein fiktives Objekt aus der virtuellen Welt in ein haptisches überführt. Sophia Süßmilchs Malereien führen in eine Gegenwelt voller merkwürdiger Wesen, die immer mehr mit uns zu tun haben, als man auf den ersten Blick meinen möchte. In ihren Performances und fotografischen Selbstportraits reflektiert sie sehr scharf auf Körpernormierungen und Identitätsmuster unserer Gesellschaft. Der Filmemacher Robert Sieg zeigt einen filmischen Essay, in dem er nachzeichnet, in welcher Tiefe sich der Kapitalismus in jegliche Bereiche unseres Lebens, insbesondere des zwischenmenschlichen, auswirkt. Šejla Kamerić arbeitet mit Performance, Interventionen, aber auch Fotos und Objekten. Oft greift sie dabei auf ihre eigene biografische Erfahrung von Krieg und Vertreibung zurück.

 

 

DIE GANZE WAHRHEIT (The Whole Truth)

Louisa Clement
Christian Falsnaes
Šejla Kamerić
Mary-Audrey Ramirez + Max Kreis
Robert Sieg
Sophia Süßmilch

Curated by Johanna Adam

08.05. – 19.06.2021

How does art come to the truth, how does the truth come to art? A statement is true when it finds its counterpart in reality. Art’s great potential lies in eluding this verifiability. It designs alternative worlds to reality, models for utopias, it redraws reality, rethinks ongoing processes and leads them to a possible end. Art seizes upon structures of reality and transfers them into visual processes in order to call them into question. Around half a century ago, Hannah Arendt posed the question of whether such a thing as ‚truth‘ exists at all. She came to the conclusion that truth exists exclusively in the plural, that we therefore are dealing with a multiplicity of truths. The subjectivity of each perspective, the parameters of one’s own reality, the sum of personal experiences and, last but not least, various social norms have an elementary effect on the perception and the evaluation of truth. Contemporary art production is shaped by diverse strategies for reflecting on reality and creating alternative images of it. What is interesting to observe, is that the subjectivity of their own perspective is a factor that many artists themselves reflect upon critically. One’s own person, one’s own identity, one’s own experiential world form the point of origin and cannot, in fact should not, be negated. Their subjectivity is not a weakness, but rather a great strength. Art’s ability to subjectively penetrate reality, and to explore and to question it, represents its major potential for insight.

The exhibition DIE GANZE WAHRHEIT (The Whole Truth) features six contemporary positions that are highly diverse in both their artistic approaches and their use of media. Yet they share a preoccupation with and a reflection on very specific aspects of our realities. For instance, Christian Falsnaes examines the mechanisms of art production and the art market and calls concepts of authorship and originality into question. Louisa Clement’s most recent photographs demonstrate up close that the currency of current images lies not in truth per se but in attractiveness: the female body that has been photographed in extreme close-up belongs to a doll, yet despite knowledge of this „bodily illusion“, the gaze remains abstracted, wavering between dismissive and sensual perception. Mary-Audrey Ramirez + Max Kreis investigate the digital realities of the world of gaming and experiment with their translation into a tangible world. For DIE GANZE WAHRHEIT they have developed a work that transfers a fictional object from the virtual world into a haptic one. Sophia Süßmilch’s paintings lead us into a parallel world full of strange beings that always have more in common with us than one might at first think. In her performances and photographic self-portraits, she keenly reflects on bodily norms and identity patterns within our society. The filmmaker Robert Sieg presents a cinematic essay in which he traces the depth to which capitalism impacts every area of our lives, in particular the interpersonal. In her work, Šejla Kamerić´swork includes both performance and interventions, as well as photographs and objects. She frequently draws on her own biographical experiences of war and displacement.